Arcade der Härte — Spiele aus dem Weißen Haus
1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.
Heute, fast neunzig Jahre später, hat das Zählen einen anderen Klang. Es klingt nach Synthesizern, nach blinkenden Pixeln, nach einem gelben Vogel, der durch Röhren fliegt. Das Weiße Haus hat am Donnerstag eine Gaming-Website an den Start gebracht. Eine Reihe klassischer Arcade-Formate aus den Achtzigern, neu aufgelegt — mit MAGA-Twist, wie es offiziell heißt.
Snake heißt jetzt Rio Run. Tom Homan, der Grenz-Beauftragte der Trump-Regierung, schlängelt sich über das Gitter, eine Schlange orangefarbener Overalls hinter ihm her, Migranten verschiedener Hautfarben vor ihm. Die Anweisung: einfangen, schlucken, verschwinden lassen. Tetris heißt Build the Wall — Bau die Mauer. „Protect the border from the coming horde", steht da. Schütze die Grenze vor der kommenden Horde. Flappy Bird trägt einen Weißkopfseeadler durch die Hindernisse des National Mall. Und Duck Hunt lässt Netze nach Goldbarren werfen — Trump Accounts, die Anlagekonten, die jedem in den USA geborenen Kind zwischen 2025 und 2028 eintausend Dollar versprechen. Das Washington Monument steht im Hintergrund. Alles sehr sauber. Alles sehr pixelig.
Eine Sprecherin des Weißen Hauses nennt das Ganze eine Möglichkeit, „innovativ zu sein und die Erfolge des Präsidenten zu erzählen, auf eine Weise, die bei jedem Amerikaner ankommt". Der offizielle Account des Weißen Hauses postet ein Video mit MAGA-Logo, angelehnt an den Schriftzug des Spielekonzerns Sega. „CAN'T STOP WINNING. Build the wall. Deport. Fill a Trump Account", steht dort in Großbuchstaben.
Vier Spiele. Eine Regierung. Eine Botschaft.
Adriana Jasso arbeitet als Programmkoordinatorin für AMIGOS San Diego Community, direkt an der Grenze zu Mexiko. Sie sagt, die Spiele zeugten von einem grundlegenden Mangel an Ernsthaftigkeit. Die Grausamkeit dieser Regierung überrasche sie nicht mehr, sagt sie. Das Weiße Haus scheine entschlossen, Migranten zu entmenschlichen und zu verhöhnen — während Menschen in Abschiebehaft sterben. „Das präsentiert das Thema, als wäre es ein Spiel. Tatsächlich ist es keines."
Amerika Garcia Grewal ist Ko-Direktorin der Frontera Federation in Eagle Pass, Texas, einer Kleinstadt, die seit Jahren zum Symbol der US-Grenzpolitik geworden ist. „Es macht mich krank", sagt sie. „Sie haben jahrelang mit dem Leben von Menschen gespielt, jetzt haben sie ein Videospiel daraus gemacht." Die Designer dieser Spiele, sagt sie, hätten den Kontakt verloren zu dem, was es bedeute, Mensch zu sein und sich um andere zu kümmern.
Menschenrechtsgruppen kritisieren die Veröffentlichung scharf. Die Spiele stellten Unterhaltung über politische Inhalte, sagen sie. Es gehe nicht um Spielspaß, sondern um eine politische Botschaft, die Massenverhaftungen und Abschiebungen als harmlosen Zeitvertreib verkaufe. Während die Trump-Regierung ihr Massenverhaftungs- und Abschiebeprogramm für undokumentierte Migranten verschärfe, liefere das Weiße Haus die passende Begleitmusik: ein Pixel-Tetris, das eine Mauer baut gegen Menschen, die vor Krieg, Hunger und Verfolgung fliehen.
Trump war im Wahlkampf mit dem Versprechen angetreten, Millionen undokumentierter Migranten auszuweisen. Seit seiner Rückkehr an die Macht hat er mehrere Maßnahmen ergriffen, um Abschiebungen zu beschleunigen und Grenzübertritte zu reduzieren. Das Weiße Haus nutzt seit langem Social-Media-Stunts, um seine Position zu untermauern und liberale Gegner zu provozieren — die Gaming-Website ist die bislang poppigste Variante dieser Strategie.
Rio Run. Build the Wall. Flappy Bird mit Adler. Duck Hunt mit Gold. Ein weiterer Titel zeigt einen Boxer, der ungesunde Lebensmittel verprügelt — eine Hommage an Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und dessen „Make America Healthy Again"-Initiative. Auch das gehört dazu: die ganze Politik als Spielhalle.
Ich sitze an meinem Schreibtisch in Wien. Unter dem Tisch steht mein kleiner Koffer. Für alle Fälle. Nicht weil ich Angst habe vor dem, was in Washington passiert — noch ist Wien weit, noch sind die Pixel klein, noch ist Amerika jenseits des Atlantiks. Sondern weil ich auswendig weiß, wie schnell aus einem Pixel eine Paragrafennummer wird, aus einem Highscore eine Abschiebungsanordnung, aus einem harmlosen Snake-Klon ein Präzedenzfall.
1937 zählte ich Menschen vor verschlossenen Grenzen. 2026 zähle ich Spiele, in denen Menschen zu Zielen werden. Der Unterschied ist die Auflösung — damals Schwarzweiß-Fotografie, heute 16-Bit-Grafik. Der Schmerz ist derselbe. Die Logik ist dieselbe. Nur die Schnittstelle ist freundlicher geworden.
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