Die Maschine zwischen Schuld und Wahn
Die Drähte summen seit Wochen. Drei Fälle, drei Namen, eine einzige Frage, die sich durch die Archive des Rechtsstaates frisst wie Säure durch Kupfer: Wenn jemand tötet und danach „unzurechnungsfähig" sagt — wem glaubt die Maschine?
Beginnen wir in Texas, im Mai 2001. John Battaglia erschießt seine Töchter Faith (9) und Liberty (6) in Dallas, während die Mutter am anderen Ende der Leitung zuhört. Er hat auf Lautsprecher gestellt. Forensische Psychologen sprechen später von Psychose, ausgelöst durch eine bipolare Störung. Die Geschworenen beraten neunzehn Minuten. Sieben Männer, fünf Frauen. Einstimmig. Todesurteil. Im Februar 2018 die Spritze. Amnesty International hatte vergeblich interveniert.
Massachusetts, kürzlich. Lindsay Clancy. Postpartale Psychose, sagt sie selbst. Drei kleine Kinder tot, Januar 2023. Sie überlebt schwer verletzt, nach einem Sprung aus dem Fenster und aufgeschnittenen Pulsadern. Die Geschworenen beraten monatelang. Sie besuchen das Haus, in dem die Kinder starben — als könne die Architektur eines Zimmers die Antwort auf eine Diagnose liefern. Am Ende: Mistrial. Keine Einigung. Das Verfahren wird neu aufgerollt.
Vancouver, Kanada, März 2023. Inderdeep Singh Gosal, 34, sticht Paul Schmidt (37) sechsmal in Hals und Oberkörper. Vor einem Starbucks. Auf einer Videoaufnahme festgehalten. 28 Sekunden. Vor den Augen der dreijährigen Tochter im Kinderwagen. Die Anklage lautet Mord zweiten Grades. Gosal sagt: Schizophrenie, Psychose, Wahnvorstellungen. Er habe die Medikamente drei Monate vorher abgesetzt. Die Messerklinge sei ein „Zeichen Gottes" gewesen, sagt er vor Gericht. Richterin Kathleen Ker spricht von einem „schockierenden, gewalttätigen und traumatischen" Akt. Die Staatsanwaltschaft weist Widersprüche nach — er habe das Messer gekauft, nicht gefunden. Das Urteil: Totschlag. Nicht Mord. Die Richterin sagt, sie könne nicht definitiv feststellen, dass Gosal habe töten wollen.
Drei Fälle. Drei Urteile. Texas tötet. Massachusetts hadert. Vancouver mildert. Was die Maschine hier antreibt, ist keine Logik. Es ist ein Mechanismus aus Verhandlung, Geschworenenpsychologie und der schieren Erschöpfung eines Systems, das nicht entscheiden will.
Die institutionelle Blindstelle liegt nicht in der Medizin. Sie liegt im Verfahren. Die Psychiatrie liefert Diagnosen, die dem Gericht als Werkzeug dienen — aber das Gericht ist keine Klinik. Wenn die Geschworenen neunzehn Minuten brauchen, um über ein Todesurteil zu entscheiden, urteilen sie nicht über Schuldfähigkeit. Sie urteilen über Empörung. Wenn sie monatelang verhandeln und sich nicht einigen können, urteilen sie nicht über Psychose. Sie verhandeln über die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit.
Snopes und andere Fact-Checker weisen seit Jahren darauf hin, dass Fälle wie jener von Andrea Yates — Houston, 20. Juni 2001, fünf Kinder in der Badewanne ertränkt, freigesprochen wegen Unzurechnungsfähigkeit — und Lindsay Clancy demselben Muster folgen: Eine Mutter, die tötet. Eine Diagnose, die kommt. Ein System, das nicht weiß, was es damit anfangen soll.
Das Problem ist nicht, dass die Diagnose falsch ist. Das Problem ist, dass das System keine konsistente Methode hat, sie zu bewerten. In Texas reicht die Diagnose nicht, um die Spritze abzuwenden. In Vancouver reicht sie, um aus Mord Totschlag zu machen. In Massachusetts reicht sie, um das Verfahren zu sprengen.
Die Maschine ist nicht blind. Sie ist kurzsichtig. Sie sieht den Einzelfall, aber sie sieht nicht das Muster. Sie reagiert, aber sie urteilt nicht. Und in diesem Spalt zwischen Reaktion und Urteil entsteht genau jene Blindstelle, durch die alle fallen — die Toten, die Angeklagten und die Gerechtigkeit selbst.
Wer kontrolliert diese Maschine? Nicht die Psychiater. Nicht die Geschworenen. Die Maschine kontrolliert sich selbst — durch Verfahrensmüdigkeit, durch Geschworene, die nach neunzehn Minuten nicht mehr urteilen, sondern nur noch quittieren. Wer profitiert? Die Angeklagten mit den überzeugendsten Diagnosen und den teuersten Anwälten. Wer zahlt den Preis? Die Toten. Und jene, die mit dem Wissen weiterleben müssen, dass die Maschine nicht für sie entschieden hat.
Frauen hatten 1937 in diesem Beruf nichts zu suchen. Ich sitze trotzdem hier, das Lötzinn am Finger, der Kaffee kalt. Die Drähte summen weiter. Ich übersetze.
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