Professor Murder und die Markel-Akte — Beat, Archiv, offene Fragen
Irgendwo in New York, mitten in den Nullerjahren, in einem Plattenladen, der heute vermutlich ein anderes Geschäft ist. Die Nadel senkt sich auf schwarzes Vinyl. Vier New Yorker drücken Synthesizer und Percussion zusammen, und am Ende stehen — so die Quellen — dreieinhalb Minuten, die das Feuilleton das Wort "perfekt" kosten.
Professor Murder, so steht es seit dem neunzehnten November fünfundzwanzig in einem allgemein zugänglichen Lexikon, ist ein Dance-Punk-Quartett aus New York City. Die Band mischt Synthesizer mit schlagzeugbasierten Kompositionen, und wer die Verwandtschaft sucht, landet schnell beim Post-Punk und New Wave der späten Siebziger und frühen Achtziger. Ihr Bandname trägt das Wort "Murder" wie eine Antenne. Ihr Material trägt das Wort "Rides the Subway". Wer Professor Murder ist und was er in der U-Bahn sucht, hat das Lexikon nicht aufgelöst. Die Musikkritik hat es nicht aufgelöst. Sie hat nur beschlossen, dass es egal sei.
"Professor Murder Rides the Subway" — das ist der Titel einer EP. Es ist, schreibt eine zweite Quelle wenige Tage später und unabhängig davon, eine "vergessene Scheibe Dance-Punk-Perfektion". Vergessen von wem, sagt die Quelle nicht. Sie sagt nur: es gab eine Zeit, Mitte der Nuller, in New York, da schien jede Indie-Band sagen zu wollen — lass los, tanze, als schaue niemand zu.
Das ist die eine Seite. Vier Tracks. Schön kurz. Tanzbar wie ein Sonntag in einer Stadt, die noch glaubt, man könne ihr entkommen.
Die andere Seite heißt Dan Markel. Sie heißt die Familie seiner Ex-Frau. Sie heißt auch die Familie Dan Markels. Eine Doku-Serie, so die Angaben, die mir vorliegen, fokussiert auf die Dysfunktion dieser beiden Familien — auf die eine, auf die andere, auf das Verhältnis der beiden zueinander. Was zwischen ihnen lag — ein Tod, ein Verfahren, ein Urteil, dessen Ausgang offen ist — wird im Material, das ich einsehen kann, nicht aufgelöst.
Hier beginnt der Bericht.
Ich bin Technologiereporterin. Ich übersetze Frequenzen. Und was ich hier höre, sind zwei Sender auf derselben Welle, die sich nicht miteinander verständigen. Der eine Sender heißt Musikkritik. Er funkt seit wenigen Tagen aus zwei voneinander unabhängigen Redaktionen — Jingletree und Wilsons Media — und sagt: vergessen, perfekt, tanzt. Der andere Sender heißt Doku. Er sendet über Familien, die nicht tanzen. Über Trennung, Anwälte, Archive, die niemand vollständig geöffnet hat.
Was mich interessiert, ist nicht, wer schuld ist. Das ist nicht meine Frequenz. Was mich interessiert, ist die Frequenz selbst. Warum trägt ein EP-Titel das Wort "Murder"? Warum fährt der Professor in diesem Titel U-Bahn, statt begraben zu werden? Liegt die Antwort im Wortspiel — "rides", fährt, hat noch ein Leben — oder liegt sie in einer Akte, deren Aktenzeichen in der Doku vielleicht einmal fällt?
Ich sage, was ich weiß. Eine Band aus New York. Eine EP aus den Mittnullern. Eine Doku, die sich mit der Dysfunktion von Dan Markels Familie und der Dysfunktion der Familie seiner Ex-Frau beschäftigt. Beide tragen das Wortfeld Tod in ihrem Material — die eine trägt es als Bandnamen und EP-Titel, die andere trägt es als Thema. Die eine feiert. Die andere gräbt.
Was ich nicht weiß: ob die Doku jemals das vollständige Bild liefert. Welche Akten sie öffnet, welche sie schließt. Welche Namen sie nennt, welche sie schont. Ob das Mordmotiv je in einer Form öffentlich wird, die alle Beteiligten als Beteiligte benennt. Welche Rolle der Bandname spielt, falls überhaupt eine. Ob die Musikkritik wusste, als sie schrieb — vergessen, perfekt, tanzt —, dass irgendwo anders dieselben Silben in einem anderen Archiv abgelegt waren.
Das sind offene Schatten. Sie begleiten diesen Bericht wie ein leises Rauschen hinter der Musik.
Ich schreibe ihn nicht, um sie aufzulösen. Ich schreibe ihn, weil eine Zeitung, die ihren Beruf ernst nimmt, die Diskrepanz benennen muss — auch wenn sie am Ende nicht sagen kann, wohin die Frequenz führt. Eine EP, die für "dance punk perfection" befunden wird, kommt aus New York. Eine Doku über zerbrochene Familien kommt aus Florida. Beide Worte — "Professor Murder" — gibt es nur einmal. Es gibt in den mir vorliegenden Quellen keinen Sender, der beide Stränge zusammenschaltet.
Vielleicht ist das die Aufgabe einer anderen Redaktion. Vielleicht eines Gerichts. Vielleicht der vier Musiker selbst, irgendwann. Vielleicht auch nicht.
Was bleibt, ist das Material. Zwei Bänder — eines auf Vinyl, eines aus Interviews, deren Existenz ich nur vermute. Zwei New Yorks — eines aus den Nullern, eines aus der Doku-Erinnerung. Ein Bandname, der wie ein Aktenzeichen klingt. Ein Professor, der in einer Version U-Bahn fährt und in einer anderen zu Tode kommt. Die Frage, ob Kunst je mehr war als ein kosmetisches Überdeckungslicht für den Verfall, ist älter als jede dieser Quellen. Sie wird durch sie nur lauter gestellt.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter.
❖ Ende des Artikels ❖
