Billionen in Beton: Das Fieber der KI-Rechenzentren und wer es bezahlt
Der Draht summt. Eine Zahl steht am Anfang: 717 Prozent. So sehr ist die monatliche Bausumme für Rechenzentren seit Anfang 2021 gestiegen — entlang einer Kurve, die das Volk „exponentiell" nennt und die Mathematiker mit Skepsis betrachten. Im Juli erreichte die saisonbereinigte Jahresrate 75 Milliarden Dollar. Das ist nur der Rohbau. Nicht die Server. Nicht die Kühlung. Nicht der Strom.
Wer die Zahlen liest, muss fragen: Was wird hier eigentlich gebaut?
Wolf Richter hat die Daten des US Census Bureau zusammengetragen. Sie zeigen einen Anstieg von 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr, allein für die Gebäudehülle. Was fehlt in der Statistik, sind die teuersten Teile einer funktionierenden Anlage: die Server, die Racks, die elektronische und optische Ausrüstung, die Generatoren, die Übertragungsleitungen. Die Rede ist von einer Billion Dollar, die verbaut werden soll. Auf Deutsch klingt das nach einer Zahl aus Romanen.
Doch die Drähte tragen noch andere Töne. In dutzenden US-Bundesstaaten formiert sich Widerstand. Moratorien und Bausperren für Rechenzentren werden verhängt oder erwogen. New York hat ein einjähriges Moratorium erlassen, bis die Regulierung steht. Die Gründe sind nicht abstrakt: steigende Strompreise, Blackouts, Wassermangel, Dieselaggregate vor Ort. Einige der geplanten Zentren würden mehrere Gigawatt verschlingen — Strom, den das Netz nicht plötzlich liefern kann.
Man baut also, was das Netz nicht trägt. Man baut schnell, mit neuen Methoden. Amrize entwickelt maßgeschneiderte Betonmischungen mittels prädiktiver Modellierung — wochenlange Trial-and-Error-Verfahren fallen weg. Stanley Black & Deckers DeWalt-Marke und August Robotics haben einen Roboter gebaut, der tausende Löcher für Servergestelle bohrt. Sechs Wochen Zeitersparnis pro Anlage. Die Industrie optimiert ihre Geschwindigkeit. Sie fragt nicht, wohin.
Die Frage, die offen bleibt: Woher sollen die Erträge kommen? Eine Billion an Investitionen verlangt nach Billionen an Umsatz. Wo sind diese Erträge? Niemand weiß es. Aber baut man, kommt der Umsatz? Diese Logik kennen wir. Sie endet meistens auf dem Schrottplatz der Konjunkturgeschichte.
PricewaterhouseCoopers schätzt, dass die Ausgaben für KI-Rechenzentren in den nächsten anderthalb Jahrzehnten 31,6 Billionen Dollar erreichen könnten. Optimistische Szenarien sprechen von 50 Billionen. Das übersteigt historische Investitionen in Eisenbahnen, Elektrifizierung oder das Internet. Der Vergleich ist suggestiv. Er beantwortet nicht, ob diese Investitionen je Rendite abwerfen — nur, dass sie gigantisch sind.
Sam Altman, Chef von OpenAI, hat im Time-Interview eingeräumt, dass die Menschen Rechenzentren hassen. An seinem Haus wurde ein Brandsatz geworfen. Das Unternehmen plant trotzdem, weitere 50 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur zu investieren — in diesem Jahr allein.
Eine Kolumnistin formulierte es zugespitzt: Die Oligarchen werfen mit Geld um sich, weil sie die Macht der einfachen Leute fürchten. Ein Zeichen von Schwäche, sagt sie. Mag sein. Es ist auch ein Zeichen, dass das Kapital nirgendwo anders hinfließt, wo es Rendite verspricht — also fließt es in Beton.
Exponentielle Kurven brennen aus, oft mit einem Knall. Sie können aber länger anhalten, als man denkt. Das ist die Warnung.
Wer profitiert jetzt? Die Bauunternehmen, die Zulieferer, die Zementhersteller. Sie verdienen an jeder Verzugsstunde. Sie sind nicht diejenigen, die fragen, ob das Gebäude jemals Strom bekommt. Sie sind nicht diejenigen, die fragen, ob die Rendite kommt. Sie verdienen am Bau.
Wer zahlt den Preis? Die Gemeinden, deren Stromnetze ächzen. Die Steuerzahler, deren Wasserversorgung knapper wird. Die Anleger, die eines Morgens aufwachen und feststellen, dass die Kurve geknickt ist. Und wir alle, die in einer Welt leben, in der eine Technologie, die niemand vollständig versteht, mit einer Vehemenz vorangetrieben wird, die an die Manie der zwanziger Jahre erinnert — nur in Beton statt in Aktien.
Der Draht summt weiter. Ich bleibe dran.
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