43 PROZENT AUF DEM DRAHT — UND DOCH KEIN SCHLÜSSEL
Die Frequenz ist eindeutig. Wer diese Woche in Sachsen-Anhalt die Meinungswellen abgreift, hört ein Signal, das in der bundesrepublikanischen Geschichte seinesgleichen sucht: Die AfD steht bei 43 Prozent. Eine Insa-Erhebung im Auftrag der Nius-Zeitung hat diese Zahl zum ersten Mal gemessen — der höchste Wert, den die Partei in einem der sechzehn Bundesländer je erreicht hat.
Ich notiere die Zahl, wie ich vor Jahren meine erste Morsenachricht notiert habe: langsam, mit korrigierter Hand. Denn diese Zahl sagt viel, aber sie verschweigt mehr.
Neben dem Schreibblock liegt das Wahlschema. CDU: 22 Prozent. Die Linke: 12. SPD: 7. Die Grünen: genau 5 — und das reicht gerade, um die Fünf-Prozent-Hürde zu reißen und in den Landtag einzuziehen. BSW: 4 Prozent. FDP: 3. Alle draußen. Damit ist die Sitzverteilung im Magdeburger Parlament rechnerisch greifbar — und genau hier beginnt das Rätsel, das mich nicht loslässt.
Denn 43 Prozent heißt: beinahe jeder zweite Wähler. Aber im Parlamentarischen? Nicht annähernd die Hälfte der Sitze. Die Partei, die am 6. September zur Wahl steht, kann trotz dieses Rekordwerts keine absolute Mehrheit im Landtag gewinnen. Das ist die Lücke. Das ist der schwarze Strich auf dem Oszilloskop, den ich seit Tagen zu entziffern versuche.
Es wäre ein Bruch. Zum ersten Mal seit 1945 stünde eine als rechtsextrem eingestufte Partei an der Spitze einer deutschen Landesregierung. Sachsen-Anhalt — halb Ackerland, halb Chemie, zwischen Harz und Elbe — wäre das erste Bundesland in der Geschichte der Bundesrepublik, das eine rechtsaußen geführte Regierung bekäme. Der Verfassungsschutz des Landes hat den AfD-Landesverband als gesichert rechtsextrem eingestuft. Alle übrigen Parteien haben eine Brandmauer gezogen: nicht mitregieren, nicht einmal reden, sagt die CDU, sagt die SPD, sagen die Liberalen, wofern sie denn im Landtag säßen.
Auf dem Stimmzettel steht Ulrich Siegmund. Fünfunddreißig, telegen, mit dem Lächeln eines Mannes, der genau weiß, welche Kamera läuft. Er weist das Etikett "rechtsextrem" zurück. Er sagt, er spreche "die Sprache des Volkes". Er sagt: "Ich will mein schönes, altes, sicheres Deutschland zurück." Auf den Marktplätzen von Halle bis Stendal stehen die Leute und applaudieren. Die Säle sind voll.
Ich höre auf dem Draht, was andere überhören: das Rauschen unter dem Beifall. Denn die Zahl, die im Insa-Barometer steht, ist die eine Wahrheit. Die andere Wahrheit ist das Sitzdiagramm. Und zwischen beiden klafft eine Tür, durch die Siegmund mit seinen 43 Prozent nicht hindurchgehen kann. Zumindest: nicht allein.
Die Rechnung ist die einer alten Funktechnik — Amplitude gegen Phase. Wer 43 Prozent der Stimmen bekommt, bekommt nicht 43 Prozent der Mandate, wenn die übrigen Parteien geschlossen blockieren. Es bleibt die Möglichkeit einer Minderheitsregierung, eines Tolerierungsmodells, eines politischen Kunstgriffs. Die CDU unter Ministerpräsident Sven Schulze baut ihre Mehrheit aus den Resten zusammen — mit der SPD, die bei 7 Prozent dümpelt, und vielleicht, unter Schmerzen, mit den Linken, die noch 12 Prozent halten. Es wird eine Regierung der schmalen Schultern.
In den Berliner Empfangsräumen verfolgt man das Signal mit anderer Sorge. Bundeskanzler Friedrich Merz regiert von der Spree aus ein Land, dessen östliche Länder sich längst davonzubewegen beginnen. Die AfD, 2013 im westlichen Deutschland gegründet, in der Hochzeit der Euro-Schuldenkrise, hat ihre Wählerbasis vollständig in den Osten verlegt. Dort, wo die Wiedervereinigung ihre Wunden nicht geschlossen hat. Wo die Demographie gegen jede Statistik arbeitet. Wo die Leute das Gefühl haben, dass die Republik an ihnen vorbeiregiert.
Wer zahlt den Preis? Sachsen-Anhalt. Eine alternde Bevölkerung, die nach Auskunft der Ökonomen auf Zuwanderung angewiesen ist, in der Pflege, im Tourismus, in der Chemie. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund acht Prozent. Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre hat auch hier Spuren gezogen, wenngleich der Aufbau der letzten anderthalb Jahrzehnte — Logistik, erneuerbare Energien — nüchtern betrachtet nicht schlecht war. Aber die Leute wählen nicht nüchtern. Sie wählen, was sie fühlen. Und sie fühlen sich vergessen.
Sonntag, 6. September. Die Wahllokale öffnen in Sachsen-Anhalt. Die Augen der Republik, vielleicht die Augen Europas, werden auf das kleine Land zwischen Harz und Elbe gerichtet sein. Die AfD braucht den Sieg — sie wird ihn wahrscheinlich bekommen. Die Frage, die in den nächsten Tagen über die Drähte geht, ist eine andere: Wird dieser Sieg etwas bedeuten? Oder wird er ein Rekord bleiben, der nichts bewegt außer die Sorge?
Ich sitze an meinem Gerät. Der Lötkolben ist kalt. Der Kaffee auch. Die Drähte summen. Ich übersetze.
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