160 Anrufe. Drei Tote. Eine Anstalt
El Paso, Texas. 12. September, 14:50 Uhr. Eine Krankenschwester steht im Haltebereich einer Haftanstalt und wählt die 911. Nicht aus einem Krankenhaus, nicht von einer Straße — aus dem Inneren einer Einrichtung, die Festgenommene verwahrt. Sie spricht ruhig, fast sachlich. Was sie sagt, ist das Protokoll eines Versagens.
„Wir haben einen Patienten im Haltebereich, der Suizidgedanken äußert, einen Fremdkörper geschluckt hat und unsere medizinische Grundversorgung hier verweigert." So beginnt der erste Notruf aus Camp East Montana, dessen Aufnahme ich über öffentliche Aktenanfragen erhalten und überprüft habe. Im Hintergrund: Stöhnen, Schreie. „Er kann nicht mehr sprechen und windet sich vor Schmerzen auf dem Boden, die Hände am Bauch." Eine Röntgenaufnahme wurde gemacht. Der Fremdkörper ist sichtbar. „Wir müssen ihn ins nächste Krankenhaus bringen, damit die dort überprüfen können, ob der Gegenstand sich noch in seinem System befindet, und um ihn möglicherweise zu entfernen."
Dieser Anruf war der Auftakt. In den folgenden Wochen werden es mehr als 160 werden, alle aus derselben Einrichtung: Camp East Montana, eine Immigrationshaftanstalt auf kargem Militärland am Rand von El Paso. Gebaut als Vorzeigeobjekt der Trump-Administration für Massenabschiebungen. Gelaufen als das, was Reporter inzwischen dokumentiert haben — ein Beispiel für das, was schiefgehen kann.
Die Anstalt ist noch in Betrieb. Das Ministerium für Innere Sicherheit nennt Vorwürfe unmenschlicher Bedingungen und Misshandlung „pauschal falsch". ICE plant, die Einrichtung mindestens bis September 2027 weiterzuführen, wie die Associated Press berichtete. Zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 sterben drei Männer in Camp East Montana. Drei Tote in sechs Wochen. Einer der tödlichsten Haftorte des Landes in diesem Zeitraum.
Einer dieser Männer war Geraldo Lunas Campos, 55, kubanischer Staatsbürger, mit einer Vorgeschichte psychischer Erkrankungen. Er starb am 3. Januar nach einem Handgemenge mit Wärtern um seine Medikamente. Ein Gerichtsmediziner stufte den Tod als Totschlag ein. Die Regierung hatte zunächst behauptet, Lunas Campos habe medizinische Probleme gehabt; später räumten DHS-Vertreter ein, Wärter hätten Gewalt angewendet, um ihn am Suizid zu hindern.
Lunas Campos hatte wiederholt auf seinen psychischen Zustand hingewiesen. Akten belegen: Das Personal sagte mehrfach, man werde ihn in eine Einrichtung verlegen, die besser für ihn sei. Verlegt wurde er nicht.
Ich habe diese 160 Notrufe angehört, jede Aufnahme einzeln geprüft, nicht nur die bekannteste. Nicht alle betreffen Suizidgedanken. Doch die Struktur wiederholt sich. Eine Schwester, ein Arzt oder ein Pfleger ruft 911 an, weil die eigene medizinische Versorgung nicht ausreicht — oder weil der Patient sie verweigert, oft aus Verzweiflung. Die Anrufe sind keine Ausrutscher. Sie sind das Symptom eines Systems, das ärztliche Hilfe organisiert, indem es sie an die Notrufzentralen der Stadt auslagert.
Ein Sprecher des DHS erklärte auf Anfrage, die Einrichtung biete „umfassende medizinische Dienstleistungen, einschließlich psychologischer Betreuung". Sollte ein Festgenommener eine höhere Versorgungsstufe benötigen, werde er an lokale Notdienste überwiesen. Die Aufnahmen, die ich geprüft habe, erzählen eine andere Geschichte. Sie erzählen von Patienten, die auf dem Boden liegen. Von Personal, das nicht über die Mittel verfügt, einzugreifen. Von einem Krankenhaus in der Nähe, das die Arbeit macht, die innerhalb der Anstalt nicht gemacht wird.
Die Frage, die bleibt, ist nicht, ob diese Anrufe Ausnahmen sind. Sie sind die Regel. Die Frage ist: Wer trägt die Verantwortung, wenn eine Pflegekraft 911 wählt, weil sie selbst nicht mehr weiter weiß? Wenn ein Mensch einen Fremdkörper schlucken muss, damit ihn jemand in ein Krankenhaus bringt? Wenn das System Hilfe verweigert, bis die Notrufnummer gewählt wird?
Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Anruf. Sie liegt in 160 Anrufen, in drei Todesfällen, in einer Akte zu Geraldo Lunas Campos. Sie liegt in einer Verwaltung, die „umfassende Versorgung" erklärt und gleichzeitig den Hörer in der Hand hält. Sie liegt in Paragrafen, die auf dem Papier Halt versprechen und in der Praxis den Halt entziehen.
Unter meinem Schreibtisch steht ein kleiner Koffer. Für alle Fälle. Ich habe ihn heute Morgen nicht geöffnet. Aber ich weiß, dass er dort steht. Und ich weiß, dass ich weiter zuhören werde, Aufnahme für Aufnahme, bis jemand erklärt, warum ein Patient in dieser Anstalt zum Aktenzeichen wird.
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