Die Umfrage, die Hegseth nicht hörte
Washington. Die Drähte summen, und sie übertragen etwas, das nach Blei schmeckt. Es riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, diesem besonderen Aroma, wenn aus einer politischen Akte ein Sicherheitsrisiko wird.
Im Frühjahr 2025 legte Verteidigungsminister Pete Hegseth den ranghöchsten Kommandeuren der US-Streitkräfte eine Frage vor. Sie war in drei Optionen verpackt, doch ihr Kern war eindeutig: Soll das Civilian Harm Mitigation and Response Program — kurz CHMR, ausgesprochen „Schimmer" — weiterbestehen? Eine Umfrage. Ein Stimmungsbild. Ein demokratisches Ritual im Inneren einer Hierarchie, die sonst nach Gehorsam funktioniert.
Hegseth wettete darauf, dass die Generäle und Admiräle seine Sicht teilen würden. Zivilistischer Schutz sei „woke", im Widerspruch zu „maximaler Letalität". Das Programm gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte.
Die Quote kam anders. Alle befragten Kommandeure wiesen Hegseth zurück.
Das CHMR-Programm existierte nicht aus Gnade. Es war nach Jahren hoher ziviler Opferzahlen im Irak, in Afghanistan und anderswo installiert worden. Personal war in den großen Regionalkommandos stationiert. Ihre Aufgabe: ein Bild vom Leben am Boden der Kampfgebiete zu zeichnen, das Entscheidungen über Luftschläge informieren und zivile Schäden minimieren sollte. Technisch gesprochen — Sensoren im Feld, die das Radar der Strategie kalibrieren. Menschen, die zählten, was Bomben nicht zählen.
Hegseths drei Optionen lauteten: 65 Prozent der Stellen kappen und das Programm operativ halten. Oder: nur ein kleines zentrales Büro in Washington. Oder: das Programm vollständig eliminieren.
Neun Kommandeure wählten die erste Option. Sie wollten das Unternehmen so weit wie möglich bewahren.
Zwei Kommandobereiche — einer zuständig für das Nukleararsenal, der andere für Cyber-Bedrohungen — lehnten sämtliche drei Optionen ab und forderten die Beibehaltung des Programms in vollem Umfang.
Das US Central Command in Tampa, Florida, zuständig für den Mittleren Osten, drängte darauf, alle sechzehn CHMR-Mitarbeiter zu behalten. Eine Stellungnahme, die ProPublica vorliegt, formulierte es ungeschminkt: Eine Reduzierung oder Eliminierung würde „die Effizienz der US-Letaloperationen verringern, da das Risiko von Zielverwechslungen steigt und die Lageübersicht im Kampfgebiet sinkt".
Der damalige CENTCOM-Chef, der pensionierte General Erik Kurilla, und mehrere andere Senioroffiziere, die direkt in Kampfhandlungen eingebunden waren, wandten sich persönlich an Hegseth. Sie erklärten das Programm als wertvolles Werkzeug.
Ein pensionierter General, der die Gespräche kannte, brachte das Ergebnis auf eine einzige Formel: „Diese Absicht wurde überstimmt."
Hegseth räumte das Programm ab. Übrig blieb eine Handvoll Mitarbeiter. Die Finanzierung wurde fast vollständig gestrichen — während die USA neue Kampagnen in Somalia, im Jemen und im Iran starteten. Ein hochrangiger Beamter fasste das Hegseth'sche Vorgehen in zwei Worten zusammen: „Bombs away!"
Die Haltung des Ministers gegenüber den eigenen Generälen machte früh klar, dass CHMR in seinem neu imaginierten „Department of War" keine Zukunft hatte. „Keine politisch korrekten und übermächtigen Einsatzregeln mehr", sagte Hegseth später vor Hunderten von Generälen und Admirälen.
Was folgte, war absehbar — zumindest für jeden, der die Frequenz richtig einstellt. US-Raketenangriffe töteten Hunderte Zivilisten im Iran und im Jemen. Episoden, die weltweit Kritik und Fragen aus dem Kongress nach sich zogen.
Nun, und hier beginnt die eigentliche Seltsamkeit dieser Akte, deutet alles auf eine Kehrtwende hin. Das Programm könnte teilweise wiederbelebt werden. Eine Umkehr in einem Ministerium, das unter Hegseth und Präsident Donald Trump keinen Widerspruch duldet.
Die Quelle für diese Rekonstruktion ist eine einzige: ProPublica. Ein Rohdiamant, wie wir in der Redaktion sagen — roh, aber mit klarer Struktur. Die Faktenlage stützt sich auf jene Umfrage, auf interne Memos und auf Aussagen aktueller sowie ehemaliger Verteidigungsbeamter. Eine zweite unabhängige Bestätigung liegt uns nicht vor. Was hier berichtet wird, ist die dokumentierte Spur eines institutionellen Konflikts — nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was offen bleibt: Was hat die Kürzung unmittelbar für die Bevölkerung in den Kampfgebieten bedeutet? Wie viele zivile Opfer, die vermeidbar gewesen wären, gehen auf das Konto einer Entscheidung, die gegen den Rat der eigenen Kommandeure getroffen wurde? Diese Zahlen sind in den vorliegenden Dokumenten nicht aufgeschlüsselt. Sie liegen in Geheimdienstberichten, in Aufklärungsdaten, in den Akten jener CHMR-Mitarbeiter, die nun nicht mehr da sind, um sie zu schreiben.
Wir bleiben am Draht. Und wir hören weiter hin.
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