ans Yen-Manöver: 95 Milliarden weg, Gewinn auf dem Papier
Tokio hat im August seine Devisenreserven um 94,6 Milliarden Dollar reduziert — nach offiziellen Angaben des japanischen Finanzministeriums der größte monatliche Einbruch seit Beginn der vergleichbaren Aufzeichnung. Der Aderlass erklärt sich aus der gemeinsamen Devisenmarkt-Intervention Japans und der Vereinigten Staaten vom 31. Juli, die den Yen stützen sollte. Dieselbe Quelle, die diesen Schwund meldet, bezeichnet die Operation als "enorm profitabel". Diese Rechnung verdient eine zweite Lesart.
Die Mechanik — wer sie einmal durchschaut hat, hört sie auf jeder Frequenz — ist bestechend einfach. Wer über einen starken Yen verfügt, kann mit weniger heimischer Währung mehr ausländische Wertpapiere erstehen. Japans Finanzministerium hat zwischen 2001 und 2011 massiv US-Staatsanleihen aufgekauft, als der Yen zum Dollar deutlich höher stand. Im Februar 2012 erreichte der Bestand an ausländischen Wertpapieren mit 1,2 Billionen Dollar seinen Höhepunkt. Seither hat die Bank of Japan durch massive Anleihekäufe und Negativzinsen den Yen um 48 Prozent nach unten gedrückt. Wer jetzt diese Papiere verkauft und mit den Erlösen Yen zurückkauft, erhält für ein und dasselbe Wertpapier mehr heimische Währung als beim Erwerb. In Yen gerechnet: ein Buchgewinn. In Dollar gerechnet: ein Verlust von 87,8 Milliarden allein im August.
Die Zahlen im Einzelnen: Die gesamten Devisenreserven schrumpften um 94,6 Milliarden auf 995 Milliarden Dollar. Der Bestand an US-Staatsanleihen sank um 87,8 Milliarden auf 840 Milliarden. Einlagen bei anderen Zentralbanken, darunter die Reverse-Repo-Fazilität der Federal Reserve für ausländische Notenbanken, fielen um 6,9 Milliarden auf 155 Milliarden Dollar. Über die vier Monate Mai bis August summiert sich der Schwund auf 174 Milliarden Dollar oder 14,9 Prozent des Gesamtbestands. Das ist kein Marktrauschen. Das ist ein Bilanzschnitt.
Unabhängige Quellen bestätigen das Bild, weichen aber in einzelnen Größenordnungen voneinander ab. Die Nachrichtenagentur IJR beziffert den Rückgang der Devisenreserven auf 79,6 Milliarden Dollar oder 6,18 Prozent auf etwa 1,21 Billionen Dollar — eine Differenz, die aus unterschiedlichen Stichtagen, Definitionsabgrenzungen und Berechnungsständen resultiert. Investing.com bestätigt, dass der Einbruch von einem Rückgang der ausländischen Wertpapiere um 87,8 Milliarden Dollar getragen wurde, also mutmaßlich US-Staatsanleihen. ZeroHedge ergänzt unter Berufung auf Bloomberg-Analysten, Japan habe dabei vor allem kurzlaufende Treasuries abgegeben. Insgesamt belief sich die Yen-Stützungskaufaktion am 31. Juli nach offizieller Bestätigung des Finanzministeriums auf 15,4 Billionen Yen — umgerechnet rund 98,6 Milliarden Dollar — und war damit die bislang größte Einzelintervention.
Die Gewinne, die Tokio ausweist, landen nicht im allgemeinen Staatshaushalt. Sie fließen in den Foreign Exchange Fund Special Account, kurz FEFSA — ein Sondervermögen, das rechtlich getrennt geführt wird, damit Parlamentarier keinen Zugriff darauf erhalten. Im vergangenen Fiskaljahr sollen dort 31 Milliarden Dollar Gewinn aus Deviseninterventionen aufgelaufen sein. Die japanische Regierung streitet bereits darüber, was mit diesem Geld geschehen soll. Ein "Schmiergeldfonds" formiert sich am Rand der Legitimität.
Die entscheidende Frage bleibt eine strukturelle: Wer trägt den Preis dieses Manövers? Die Yen-Inhaber in Japan, deren Kaufkraft theoretisch erhalten bleibt. Die Inhaber japanischer Staatsanleihen, deren Renditen durch die parallel laufende Geldpolitik der Bank of Japan weiter unter Druck stehen. Der globale Anleihemarkt, der plötzlich einen massiven Verkäufer verkraften muss. Was als "enorm profitabel" deklariert wird, ist buchhalterisch korrekt und inhaltlich fragwürdig — ein Tausch zwischen Bilanzpositionen, bezahlt aus den Reserven einer Nation, deren Währung erst durch die eigene Geldpolitik jene Schwäche entwickelte, die das Ministerium nun mit eben diesen Reserven zu stützen sucht.
Die nächste Datenveröffentlichung wird zeigen, ob die September-Statistik den August-Schwund fortschreibt oder eine Atempause einlegt. Bis dahin bleibt nur die Buchführung. Und die Frage, wem sie nützt.
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