PENTAGON UND DIE ALGORITHMEN: WENN TECH-GIGANTEN FÜR GENERÄLE RECHNEN
Die Drähte summen. Diesmal nicht Morsecode, sondern Datenströme. Und was sie tragen, sollte jedem Suppenküchenbesitzer einen Schauer über den Rücken jagen.
Das Pentagon hat in den vergangenen Monaten Verträge mit den mächtigsten Namen der amerikanischen Technologieindustrie geschlossen. OpenAI, Alphabet, Nvidia, SpaceX, Microsoft, Amazon, Reflection – eine Aufzählung wie aus dem Hauptbuch eines neuen Industriekartells. Scale AI, gestützt von Meta, erhielt laut Forbes einen Auftrag über 500 Millionen Dollar, fünfmal so viel wie im Vorjahr. Offiziell geht es um den Einsatz fortschrittlicher KI-Werkzeuge in militärischen Operationen.
Ich übersetze: Wenn das Militär eine Maschine fragt, was sie auf einem Satellitenbild sieht, und diese Masche entscheidet, ob jemand lebt oder stirbt, dann ist das keine Software-Frage mehr. Das ist eine Machtfrage.
Und hier wird es unangenehm. Denn wie der Guardian vergangene Woche berichtete, hat ein hochrangiger Pentagon-Beamter, der für militärische KI zuständig ist, Aktien im Wert von mehreren Millionen Dollar an einem KI-Unternehmen verkauft. Die genauen Positionen sind aus den Offenlegungen nicht ersichtlich. Das Unternehmen Perplexity hatte im November vergangenen Jahres einen Vertrag mit der allgemeinen Beschaffungsbehörde der US-Regierung angekündigt – konkrete Verbindungen zum Pentagon sind aus den Unterlagen allerdings nicht belegt.
Trotzdem: Ein Beamter, der über Aufträge an KI-Firmen wacht und gleichzeitig Anteile an genau solchen Firmen hält – das ist kein Zufall, das ist ein System. Es ist das System, in dem zivile Innovation und militärische Anwendung so selbstverständlich verschmelzen, dass niemand mehr fragt, ob das überhaupt jemand kontrolliert.
Wer profitiert? Zunächst die Aktionäre. Dann die Auftragnehmer, deren Bewertungen an jedem neuen Pentagon-Deal weiter steigen. Wer zahlt den Preis? Das ist die Frage, die in keiner Pressemitteilung steht.
Das Pentagon selbst zeigt sich gelassen. Wie aus einem Bericht des Daily Mail hervorgeht, erklärte ein Sprecher unter Verweis auf Vize-Stabschef General James Stanley, die neuen KI-Werkzeuge würden mit strengen Schutzmaßnahmen eingeführt. Sie könnten Analysen in Minuten erledigen, für die sonst zwei oder drei Mitarbeiter über sechs oder sieben verschiedene Systeme hinweg gebraucht würden.
Strenge Schutzmaßnahmen. Ich höre dieses Wort und frage mich: Wer schreibt diese Maßnahmen? Wer testet sie? Und wessen Definition von „streng" gilt, wenn es um die Zielerfassung auf einem Schlachtfeld geht?
Was hier geschieht, ist kein klassischer Rüstungsauftrag mehr, bei dem ein Generalstab Panzer bestellt und Waffen inspiziert. Hier bestellt ein Generalstab Intelligenz. Lernfähigkeit. Die Fähigkeit einer Maschine, Muster zu erkennen, die kein Mensch je sehen würde – und Entscheidungen vorzubereiten, die kein Mensch mehr vollständig nachvollziehen kann.
Ich sitze in meinem Büro. Es riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Vor mir auf dem Tisch liegen die Vertragsmeldungen, die Aktien-Offenlegungen, die Stellungnahmen mit ihren Schutzmaßnahmen. Was ich sehe, ist keine Verschwörung. Verschwörungen leben von Geheimnissen. Was ich sehe, ist das Gegenteil: eine Allianz, die sich vor aller Augen formiert, weil niemand hinschaut.
Es ist 1937. Frauen haben in diesem Beruf nichts verloren. Ich schreibe trotzdem. Weil die Drähte summen. Und weil irgendjemand übersetzen muss, was sie tragen.
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