Flammen über Skarżysko-Kamienna: Warschau wittert Sabotage
Die Drähte summen, und was sie tragen, riecht nach Benzin.
In der Nacht zum 31. August 2026 schlug kurz nach Mitternacht eine Flamme in das Werk von WB Electronics im zentralpolnischen Skarżysko-Kamienna. Die Montagehalle, in der Komponenten für Aufklärungs- und Kamikazedrohnen gefertigt werden — Drohnen, die das polnische und das ukrainische Militär versorgen —, brannte. Innerhalb von zwei Stunden hatten die Feuerwehren den Brand unter Kontrolle. Verletzt wurde niemand. Zurück blieb ein Schaden von mindestens 15 Millionen Złoty, umgerechnet rund 3,46 Millionen Euro.
Was die Löscharbeiten nicht löschen konnten, war die Frage nach dem Warum.
Die Staatsanwaltschaft in Kraków sprach noch am Nachmittag von einem Verbrechen terroristischer Natur, begangen unter Beteiligung eines fremden Geheimdienstes gegen die Republik Polen. Eine Sprengvorrichtung mit brennbaren Stoffen sei platziert worden, hieß es. Die Agentur für innere Sicherheit, ABW, übernahm die Ermittlungen gemeinsam mit der Polizei. Der Einbruchsmelder im Werk war bereits gegen Mitternacht ausgelöst worden.
Polens Innenminister verknüpfte den Vorfall direkt mit ausländischer Geheimdienstarbeit. Ministerpräsident Donald Tusk erklärte wenige Tage später, das Feuer sei auf Sabotage zurückzuführen — angeordnet aus Moskau. Tusk sprach zudem offen aus, dass Russland derartige Angriffe unter anderem mit Kryptowährungen finanziere. Die offizielle Lesart Warschaus: Sabotage durch Russland. Polen hat Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine 2022 wiederholt versuchter Sabotage bezichtigt.
Eine zweite Lesart klingt zurückhaltender. Die russische Redaktion Meduza zitierte die Aussage eines Sprechers der polnischen Sonderdienste: Brandstiftung nicht ausgeschlossen. Nicht ausgeschlossen — das ist die polizeiliche Formel, solange die Ermittler Spuren sichern. Sie ist nicht dasselbe wie die Anklage, die Tusk erhebt. Hier klafft eine Lücke. Quelle A spricht von Sabotage, Quelle B von möglicher Brandstiftung. Beide benennen keinen Täter, keine Tatbeteiligten, kein Motiv.
Was bleibt, ist das Wort eines Premierministers — und das Schweigen der Staatsanwaltschaft über Namen.
WB Electronics ist nach eigenen Angaben der größte private Rüstungshersteller der Europäischen Union. Das Unternehmen liefert Drohnen an die ukrainische Streitkräfte. Wer die Produktion dieser Drohnen stört, stört die Lieferkette Kiews. In den vergangenen Wochen hatten westliche Regierungen vor einer möglichen russischen Eskalation gegen NATO- und EU-Staaten gewarnt. Szenario eins auf dem Reißbrett: Sabotage an Werken, die Militärkomponenten für die Ukraine herstellen.
Polen sieht sich als Hauptziel solcher Sabotageakte in Europa. Die Regierung in Warschau hat Russland wiederholt beschuldigt, hinter Spionage- und Destabilisierungsoperationen zu stecken. Die Einstufung des Vorfalls als Terrordelikt statt als einfache Sachbeschädigung erlaubt erweiterte Ermittlungsbefugnisse, längere Haft, grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Am selben Tag kündigte Russland an, die Goethe-Institute im Land zu schließen — die deutschen Kulturzentren, die seit Jahrzehnten Sprachkurse und Austauschprogramme betreiben. Ein zweiter Schnitt im gleichen Zeitfenster: Moskau kappt nicht nur die militärische, sondern auch die kulturelle Brücke nach Westeuropa. Wer hinter dieser Entscheidung steht, sagt der Kreml nicht. Wer hinter dem Feuer in Skarżysko-Kamienna steht, sagt die Staatsanwaltschaft noch nicht.
Was bislang offiziell auf dem Tisch liegt: ein Werk in Flammen, eine ausgelöste Alarmanlage, eine Sprengvorrichtung mit brennbaren Stoffen, ein Schaden von 15 Millionen Złoty, eine Terrorermittlung, ein Premierminister, der Russland beschuldigt — und ein Kreml, der parallel die Goethe-Institute zumacht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Mehr sagt sie nicht. Mehr sage ich nicht.
Aber ich höre den Frequenzen zu. Und die Frequenz, mit der Moskau schweigt, ist laut.
❖ Ende des Artikels ❖
