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8. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

an der Liege: Geheimdienstreform bedroht das Patientengeheimnis

8. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Diesmal nicht zwischen Sender und Empfänger, sondern zwischen dem, was ein Mensch seinem Arzt anvertraut, und dem, was der Staat künftig mitzuhören gedenkt. Eine geplante Reform der Nachrichtendienste droht, eine der ältesten und stillsten Vertrauensbeziehungen unserer Gesellschaft aufzubrechen: das Gespräch zwischen Arzt und Patient.

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Carsten Dochow, zuständig bei der Bundesärztekammer, hat im Gespräch mit netzpolitik.org eine Warnung ausgesprochen, die in ihrer Klarheit beunruhigt. Die Reform gefährde das Patientengeheimnis und damit die Gesundheitsversorgung selbst, sagt er. Wer hört beim vertraulichen Arztgespräch künftig mit?

Die Frage ist berechtigt. Was die Bundesregierung als Sicherheitsarchitektur verkauft, enthält nach Lesart der Ärzteschaft ein Einfallstor, das niemand auf dem Reißbrett gewollt haben kann: weitreichende Befugnisse der Nachrichtendienste, die — so berichtet t-online am 4. August 2026 — auch das heimliche Betreten von Wohn- und Geschäftsräumen umfassen. Räume, in denen nicht selten Angehörige von Heilberufen ihrer Arbeit nachgehen. Praxen. Apotheken. Sprechzimmer.

Ich übersetze das einmal für die Kollegen, die nicht vom Fach sind: Was hier auf dem Tisch liegt, ist keine kosmetische Anpassung. Nachrichtendienste sollen künftig technisch und rechtlich in die Lage versetzt werden, Orte zu betreten, an denen Menschen über ihren Körper, ihre Ängste, ihre Abhängigkeiten sprechen. Orte, deren Funktion definitionsgemäß die Verschwiegenheit ist. Wer das verschiebt, verschiebt das Fundament.

Die Pharmazeutische Zeitung hat in einem aktuellen Beitrag nachgelegt. Das vorgesehene Schutzniveau reiche nicht aus, heißt es dort wörtlich, um das für die Berufsausübung unverzichtbare Vertrauensverhältnis zwischen Apotheker und Patient wirksam zu gewährleisten. Man beachte die Wortwahl: nicht "könnte", nicht "sollte". Wirksam gewährleisten. Das ist die Sprache von Leuten, die das Handwerk kennen.

Ich höre seit Jahren Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Das fängt beim Löten im Keller an und hört bei Radargeräten auf, deren Funktionsweise ich niemals vollständig einem Redakteur erklären werde. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Wer ein System baut, das mithört, baut immer ein System, das auch dort mithört, wo es nicht mithören soll. Das ist keine Paranoia. Das ist Elektrotechnik. Jedes Mikrofon, das Sie einschalten, nimmt alles auf, was im Raum ist — nicht nur das, was Sie hören wollen.

Hier liegt der Kern. Die Reform, so wie sie derzeit diskutiert wird, behandelt das Patientengeheimnis als Randgröße. Als etwas, das man später regeln kann, mit einer Verordnung, mit einem Passus, mit einer Schutzklausel. Aber Vertrauen ist kein Schalter. Es ist ein Kondensator. Es lädt sich langsam auf, über Jahre, über Tausende von Sprechstunden, in denen ein Mensch dem anderen Dinge sagt, die er sonst niemandem sagt. Und es entlädt sich schlagartig, oft genug reicht ein einziger Vorfall.

Ich sage nicht, dass die Reform böse Absicht verfolgt. Ich sage, dass sie ein Risiko schafft, dessen Größe die Beteiligten offenbar unterschätzen. Eine einzelne Quelle — der Bericht über Dochows Aussage — kann eine solche Warnung nicht abschließend belegen. Die Aussagen müssen verifiziert, die Gesetzentwürfe im Wortlaut geprüft, die Stellungnahmen der betroffenen Kammern vollständig gesichtet werden, bevor dieses Urteil in Stein gemeißelt ist. Aber schon jetzt steht fest: Die Ärzteschaft hat reagiert. Die Apothekerschaft hat reagiert. Beide sagen im Kern dasselbe.

Ich frage mich, wie es weitergeht. Wer kontrolliert das neue Werkzeug? Wer profitiert von der Verschiebung? Und wer zahlt den Preis? Der Preis, das ist die Patientin, die ihrem Hausarzt verschweigt, dass sie die Tabletten nicht nimmt. Der Preis ist der Vater, der den Suchtberater nicht mehr anruft. Der Preis ist die alte Frau in der Apotheke, die leise fragt, ob das Mittel gegen die Schmerzen auch gegen die Einsamkeit hilft — und ob jemand zuhört, der nicht zuhören sollte.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen. Aber ich übersetze nur noch das, was ich überprüfen kann. Und im Moment übersetze ich eine Warnung, die noch in den Wind gesprochen wird — bis sie es nicht mehr ist.

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