STECKER IN HAWTHORNE — Kiew fliegt auf einem Kabel, das ihr nicht gehört
Kiew, irgendwo hinter dem Rauschen. Die Terminal Tribune empfängt eine Depesche aus einer Gegenwart, in der Kriege über Satellitenantennen geführt werden. Hier ist, was die Drähte tragen.
Die Ukraine trifft mit Drohnen tief in Russland. Treibstofflager, Stromnetze, Logistik. Auf der Krim fiel der Strom tagelang aus. In Moskau bildeten sich Schlangen an Tankstellen. Zwischen dem 17. und 22. August trafen unbemannte Fluggeräte nach Angaben der ukrainischen Drohnenstreitkräfte 27 Energieknoten auf der Krim und in besetzten Gebieten. Seit Juli attackierten sie 242 Schiffe der sogenannten Schattenflotte. Einige in der Ukraine gebaute Langstreckendrohnen erreichen inzwischen Ziele in bis zu 3500 Kilometern Entfernung.
Doch die Offensive hängt an einem Kabel, das nicht in Kiew liegt.
„Viele meiner Kollegen, und auch ich, sind sehr nervös, wie wir ohne Starlink arbeiten würden", sagt der Offizier Jura. In seiner Einheit werde immer wieder gefragt: „Was ist, wenn Elon Musk oder jemand bei SpaceX es abschaltet?" Das Zitat stammt aus einem Bericht von „Business Insider", den FOCUS online aufgriff. Es steht für eine Sorge, die durch die ukrainischen Offiziersreihen geht.
Starlink-Terminals von SpaceX sind für viele Drohneneinsätze entscheidend. Das System vereinfacht die Steuerung erheblich. Ohne Starlink müssten Teams Funkverbindungen berechnen, Relaisdrohnen einsetzen und Antennen ausrichten. Das Videobild bleibt oft bis kurz vor dem Einschlag stabil — solange die Verbindung steht.
Neben Starlink sind Hornet-Drohnen der US-Firma Perennial Autonomy im Einsatz. Tausende wurden im Sommer gestartet. Die Systeme tragen bis zu fünf Kilogramm Sprengstoff, erreichen 50 bis 150 Kilometer. Der Stückpreis liegt laut dem Bericht bei 7500 bis 10000 Dollar, etwa 6400 bis 8500 Euro. Ein ukrainischer Offizier sprach von einer bestätigten Erfolgsquote von mindestens 60 Prozent. Mehr als 40 Prozent aller Starts hätten direkte Treffer gebracht. Rund 15 Prozent seien gestört oder abgeschossen worden.
Präsident Wolodymyr Selenskyj drängt zugleich auf mehr Patriot-Abwehrraketen aus den USA und sprach zuletzt von 300 Flugkörpern für den Winter. Die Ukraine fliegt also nicht nur eigene Missionen — sie fliegt mit Material, das aus Washington kommt. Die USA haben ihre Operationen am 27. Februar begonnen.
Was hier fehlt, sind die entscheidenden Zahlen. Wie groß ist der gesamte US-Beitrag zu diesen Angriffen? Wie viele Starlink-Terminals, wie viele Hornet-Drohnen, wie viele Softwarelizenzen stecken tatsächlich in der ukrainischen Drohnenoffensive? Offizielle Zahlen aus Washington: keine. Die Frage bleibt offen, ein Vakuum, in dem Spekulation wächst.
Auch die zweite Zahl fehlt. Wie viele Menschen sind bisher bei den Angriffen ums Leben gekommen? Die ukrainische Seite spricht von 27 Energieknoten und 242 Schiffen. Opferzahlen auf russischer Seite: keine verlässlichen Angaben.
Der österreichische Militärstratege Markus Reisner brachte es in einem europäischen Medium auf den Punkt. Die Kombination aus US-Aufklärung, KI für die Einsatzführung und Starlink als Kommunikationsinfrastruktur „macht es den Ukrainern erst möglich, diese mittel- und langreichweitige Kampagne gegen Russland durchzuhalten".
Das ist die Formel. Und das ist die Schwachstelle.
Die Ukraine führt einen Drohnenkrieg, dessen Infrastruktur sie nicht besitzt. Sie mietet sie, von einer Privatfirma, deren Chef gelegentlich das Tweet-Verhalten einer Laune ändert. Sie nutzt amerikanische Aufklärung, deren Quellen sie nicht kennt. Sie fliegt mit Software, deren Updates sie nicht kontrolliert.
Was, wenn Washington morgen entscheidet, dass die Hornet-Lieferungen gestoppt werden? Was, wenn SpaceX die Starlink-Terminals für ukrainische Drohnenmissionen priorisiert oder depriorisiert? Was, wenn der nächzte Tweet aus Hawthorne eine Pause ankündigt?
Die Frage, die Jura stellt, ist die Frage, die sich jeder Offizier in Kiew stellt. Sie lautet: Wer hat den Stecker?
Die Antwort steht nicht in Kiew. Sie steht in Kalifornien. Und manchmal, am Ende einer Strippe, in Washington.
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