Börse 1937
Terminal Tribune

9. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

NEUES AUS NEW YORK: MASCHINEN RAUS, MENSCHEN RAUF

9. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Zwei Meldungen aus derselben Stadt, fast am selben Tag. Sie reden nicht miteinander. Aber sie reden über dasselbe: wer darf was, wer wird geschützt, wer tritt vor welche Kameras.

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In Manhattan Blake Lively und Ryan Reynolds. Erstmals seit der außergerichtlichen Einigung mit Justin Baldoni zeigen sich die beiden in New York City — „vereint", wie die Boulevardpresse schreibt. Die Boulevardpresse spricht von einer „humiliating payout", einer demütigenden Auszahlung an Baldoni. Was genau Baldoni zugestimmt hat, bleibt im Dunkeln. Die offiziell zirkulierende Erklärung endet im Vagen — ein „hinsichtlich", das mehr verschleiert als es aufklärt. Welcher Vorwurf, welche Summe, welche Klausel? Diese Redaktion hat keine abschließende Antwort. Wir haben nur das Bild.

Und keine zehn Meilen südlich desselben Boulevards tritt in diesen Wochen in den Schulen New Yorks eine Verordnung in Kraft, die als die strengste der Nation gilt. Künstliche Intelligenz — also Software, die selbstständig Texte, Bilder und Antworten erzeugt, eine Maschine, die so tut, als denke sie — ist ab diesem Monat für Kinder von der Vorschule bis zur achten Klasse während des Schultages verboten. Highschool-Schüler dürfen sie nur in begrenzten, beaufsichtigten Kontexten verwenden, und zweimal im Jahr gibt es eine kurze Unterrichtseinheit zur KI-Alphabetisierung. Lehrkräfte wiederum dürfen sie nicht zur Benotung, nicht zur Verhaltenskontrolle und nicht für sonderpädagogische Pläne einsetzen. „Leitplanken zum Schutz der menschlichen Verbindung, der Neugier und der Kreativität", sagt Bildungsstadtrat Kamar Samuels.

Übersetzt aus dem Beamtendeutsch: man nimmt den Bildschirmen die Macht über den Tag.

Das klingt vernünftig. Wer die Maschine schreibt, der schreibt den Aufmerksamkeitsraum. Wer den Aufmerksamkeitsraum schreibt, der schreibt das Kind. Wer das Kind schreibt, der schreibt den Konsumenten von morgen. Diese Logik ist nicht neu. Sie galt für die Radios in den dreißiger Jahren, sie galt für das Fernsehen in den fünfzigern, sie gilt heute für die kleinen leuchtenden Tafeln, die manche Tablets nennen. Eine Firma, die Geräte unentgeltlich an Schulen verteilt, hat keine Wohltätigkeit im Sinn, sondern einen Kundenstamm fürs Leben. Wer das vor zwanzig Jahren nicht hörte, hört es jetzt.

Doch genau hier beginnt das Stirnrunzeln. Die Meldungen widersprechen sich an entscheidender Stelle. Die einen Quellen sprechen von einem Verbot allein in Grundschulen. Andere ziehen den Bannkreis weiter, bis einschließlich achter Klasse, und behandeln die Highschool als begrenzten Ausnahmebereich. Wieder andere sprechen nur unspezifisch von „den Schulen". Eine vollständige, einheitliche Liste der tatsächlich betroffenen Schulstufen liegt dieser Redaktion nicht vor. Die Politik gibt sich streng. Aber sie gibt sich auch ungenau. Beides gleichzeitig geht selten ohne Hintergedanken — und sei es nur der Hintergedanke, später nachzuverhandeln.

Bemerkenswert ist zudem die Asymmetrie innerhalb der Verordnung selbst. Die Kleinen, die noch lernen, wie Aufmerksamkeit überhaupt funktioniert, werden am stärksten geschützt. Die Größeren, die kurz vor der Arbeitswelt stehen, dürfen die Maschine benutzen — unter Aufsicht, versteht sich. Aufsicht durch dieselben Lehrkräfte, die wiederum selbst keine KI für ihre pädagogische Kernarbeit einsetzen dürfen. Drei Stufen desselben Vertrauensproblems. Die Jungen werden behütet, die Älteren werden vorbereitet, die Erwachsenen werden kontrolliert.

Nun also zurück nach Manhattan. Lively und Reynolds treten auf. Vereint. Die Boulevardpresse feiert das Bild, weil Bilder das sind, was sie verkauft. Eine Auszahlung an Baldoni wurde öffentlich gemacht; die Details nicht. Was genau hinter dem Vergleich steht, ist nicht in vollständigen Sätzen dokumentiert. Wir wissen: Es gab eine Einigung. Wir wissen: Es war eine Auszahlung. Wir wissen nicht, was Baldoni zustimmte. Wir wissen nicht, was „hinsichtlich" bedeutet. Wir haben das öffentliche Bild und das, was es uns zeigt — und das ist wenig.

Beide Geschichten handeln vom selben Mechanismus. In den Schulen wird die Maschine unsichtbar gemacht, damit das Kind sichtbar bleibt. Auf dem Boulevard wird das Paar sichtbar gemacht, damit die Einigung unsichtbar bleibt. In beiden Fällen wird die Aufmerksamkeit kuratiert. In beiden Fällen wird der Zugang zu Informationen sortiert. Die Frage ist nicht, ob das schlecht ist. Die Frage ist, wer die Sortierung vornimmt und wem sie nützt.

Wer das Schulverbot liest und nicht fragt, welche Stufen genau betroffen sind, hat den Mechanismus nicht verstanden. Wer den Auftritt von Lively und Reynolds sieht und nicht fragt, was Baldoni eigentlich zugegeben hat, hat ihn auch nicht verstanden.

New York spricht viel. New York sagt wenig.

Ada Voss.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 4 Behauptungen belegt
  1. ZAHL Blake Lively und Ryan Reynolds sind nach der Zahlung von Justin Baldoni zum ersten Mal in NYC aufgetaucht

    „Blake Lively and Ryan Reynolds put on a united front as they step out in NYC for first time since humiliating payout from Justin Baldoni | Daily Mail Online“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT AI soll weitgehend oder als erster Schritt eingeschränkt/verboten werden in den Grund- und Mittelschulen von NYC

    „will prevent local public school kids in elementary and middle school from using AI or spending excessive time on screens during the school day.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Amerikas Einwanderungspolitik vertreibt zukünftige KI-Führer

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZITAT Ryan Reynolds habe versucht, die 80er Jahre zu stornieren

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 4 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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