Dominikanischer Baseball, WhatsApp-Kanal: Wer kontrolliert hier wen?
ProPublica, das gemeinnützige US-Recherchebüro, hat eine WhatsApp-Leitung eröffnet, um mit Menschen aus der Dominikanischen Republik ins Gespräch zu kommen. Begründet wird die Wahl des Kanals mit der Beliebtheit des Dienstes vor Ort und der Tatsache, dass internationale Anrufe und SMS dort kostenlos sind. Wer dem Aufruf folgt, schickt das Wort „baseball" an die Nummer 001-917-207-6447 und erhält im Gegenzug einen Link zu den bisher veröffentlichten Artikeln der Redaktion. Klingt niedrigschwellig. Ist es auch. Die Frage, die diese Zeitung stellt, ist eine andere.
Die Recherche selbst befasst sich mit einem Geschäft, das in seinem Kern unreguliert ist. Die Dominikanische Republik exportiert mehr Spieler in die Major League Baseball als jedes andere Land außer den Vereinigten Staaten. In fast jeder Nachbarschaft gibt es einen Platz, auf dem Kinder ab vier Jahren spielen lernen. Die Industrie, die um dieses Talent herum gewachsen ist, kennt weder Aufsicht noch verlässliche Verträge. Trainer agieren als Vormunde, Familien werden mit Millionenversprechen geködert, und Jungen wie der vierzehnjährige Belfi Rivera sitzen vor Bildschirmen, auf denen Scouts aus den USA erscheinen, um sie als Teil der „familia" zu begrüßen. Sein ausgemachter Bonus: 1,8 Millionen Dollar, vereinbart in einem Handschlag-Deal, der die MLB-Regel umgeht, die Unterschriften vor dem sechzehnten Lebensjahr verbietet. Der Trainer verhandelte ohne den Jungen, ohne die Eltern. So berichtet es ProPublica. Die Arizona Diamondbacks haben sich auf Anfrage nicht geäußert.
Was die Redaktion bislang dokumentiert hat, ist gravierend: Wucherkredite, die sich an armen Familien festsetzen, der freie Zugang zu anabolen Steroiden in den Trainingsakademien, die Bedingungen in den sogenannten pensiones. Die Quellenlage ist prekär. Wer in der Dominikanischen Republik etwas über die Branche erzählen will, riskiert Trainer, laufende Verträge und möglicherweise die Zukunft des eigenen Kindes. Genau hier setzt der WhatsApp-Kanal an. Und genau hier beginnt das Problem.
Denn WhatsApp ist kein neutraler Briefkasten. Der Dienst wird von einem Privatunternehmen betrieben, mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Die Verschlüsselung schützt den Inhalt der Nachrichten vor dem Zugriff Dritter, das ist gut. Sie schützt ihn aber auch vor jeder staatlichen Aufsicht, vor jeder presserechtlichen Nachvollziehbarkeit und vor der Frage, wer auf der anderen Seite der Leitung sitzt, wenn sich die Nummer ändert, der Anbieter seine Schnittstellen umstellt oder ein Account gesperrt wird. Wer heute einer Quelle rät, über WhatsApp zu kommunizieren, übergibt ihr die Infrastruktur eines Dritten, dessen Geschäftsmodell nicht Aufklärung heißt. Die Reporter Garcia-Roberts und Jameel nennen ihre Namen, ihre Mailadressen, ihre Zuständigkeit. Das ist ein Anfang, mehr nicht.
Diese Zeitung hat in den zwanziger Jahren gelernt, was es bedeutet, wenn Nachrichten über private Drähte laufen. Die Telegraphie wurde nicht durch Ethik reguliert, sondern durch Lizenzen. Funk nicht durch gute Absichten, sondern durch Frequenzzuteilung. Jede Kommunikationstechnologie, die sich der staatlichen Aufsicht entzieht, wird zum Werkzeug derer, die sie betreiben. WhatsApp ist nicht der Wilde Westen, der hatte wenigstens noch einen Sheriff in Aussicht. Was hier geschaffen wird, ist ein Kanal, den niemand außerhalb der Redaktion prüfen kann. Niemand weiß, wie viele Nachrichten eingehen, wie sie gespeichert werden, was mit den Daten geschieht, wenn die Untersuchung endet. Es gibt keine Beschwerdestelle, keinen unabhängigen Beauftragten, keine Garantie, dass die Regeln von heute morgen noch gelten.
Die Menschen, die ProPublica anspricht, sitzen in einem Land, in dem Baseball Hoffnung und Geschäft zugleich ist. Eltern, Trainer, Ärzte, Mitarbeiter von MLB-Teams werden aufgefordert, einer amerikanischen Telefonnummer ihre Geschichten zu schicken, möglicherweise belastende, möglicherweise selbstbelastende. Sie bekommen im Gegenzug Links zu Artikeln und gelegentliche Updates. Die Dominikanische Republik reguliert diese Branche nicht. Die Vereinigten Staaten regulieren WhatsApp nicht. Was zwischen diesen beiden Lücken passiert, ist Ermessenssache eines Anbieters, der von Werbung lebt.
Das Rechercheprojekt hat seine Berechtigung. Die Bedingungen, unter denen es stattfindet, sind das eigentliche Thema. Wer Leserinnen und Leser bittet, sich auf einer geschlossenen Leitung in privater Hand zu offenbaren, schuldet ihnen mehr als einen Link. Wir dokumentieren das Verfahren. Wir bleiben skeptisch.
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