PELTZ, DREISSIG, AUFSTEIGERIN: WER SCHREIBT DEN PREIS — UND WER ZAHLT?
Venedig. Anfang September, ein Palazzo am Canal Grande. Kamerablitze, Estrella-Broschen an den Jacketts, Applaus. Auf der Bühne steht Nicola Peltz Beckham, einunddreißig Jahre alt, Balenciaga in dunklem Lila. Neben ihr Ehemann Brooklyn. Im Hintergrund Mutter Claudia, Vater Nelson — Milliardär. Überreicht wird der „Rising Star Award" der Filmfestspiele.
Die Begründung im Programmheft: Schauspielerin, Produzentin, „emerging filmmaker".
Die Branche applaudiert. Die Branche murrt.
Denn Peltz steht seit zwanzig Jahren vor der Kamera. Sie begann als Kind zu spielen, wirkte seither in einer Reihe weiterer Produktionen mit. Vor wenigen Wochen erst schrieb, produzierte und finanzierte sie einen eigenen Film: „Lola", aus eigener Tasche. Eine Frau, die seit zwei Jahrzehnten im Geschäft ist und gerade ein eigenes Werk auf das Festival bringt, wird als „aufsteigender Stern" benannt. Das Wort Aufstieg setzt eine Richtung voraus — sie soll noch kommen. Sie ist längst da.
Die britische Journalistin Olivia Kemp hat für den „Daily Mail" nachgefragt. Ihr Befund aus der Industrie wird in einem Wort zitiert: „Schamlos."
Zwei Punkte, die ihr Stück aufwirft, lohnen ein zweites Hören auf der Leitung.
Die Mechanik. „Rising Star" wird nicht über eine Fachjury vergeben. Die Auswahl läuft über ein Gremium aus Branchenvertretern und Festivalleitung, das nicht öffentlich tagt. Welche Kriterien angelegt werden, erfährt das Publikum nur durch die Programmnotiz. Peltz' Notiz zitiert drei Berufsbezeichnungen — Marketingsprache, nicht Maßstab künstlerischer Leistung. Wer in der Vorauswahl steht, entscheidet sich an Schnittstellen zwischen Produktionsfirmen, Publicity-Abteilungen und Festivalleitung. Die Grenze zwischen Empfehlung und Absprache verläuft fließend.
Das Gefälle. Peltz ist Tochter eines Milliardärs, verheiratet mit dem Sohn einer der bekanntesten Sport- und Modefamilien der britischen Öffentlichkeit. Diese Konstellation erzeugt eine mediale Schwerkraft, die ein Festival sich zunutze machen kann. Ein Preis, der öffentlich debattiert wird, ist bekannter als einer, der still vergeben wird. Die Branche weiß das. Die Verleiher wissen das auch. Es ist kein Zufall, dass die Schlagzeilen am nächsten Tag aus der Verleihung eine Familienshow machten — Brooklyn vorneweg, die Eltern im Hintergrund.
Die mündliche Überlieferung, die Kemp zusammenträgt, liest sich wie Rauschen auf einer gestörten Frequenz: einerseits die Anerkennung dafür, dass eine Schauspielerin mit „Lola" tatsächlich Eigeninitiative bewiesen hat; andererseits der Vorwurf, der Begriff Aufstieg trage für eine Frau, die seit zwanzig Jahren arbeitet, schlicht nicht mehr. Wer die Mittel hat, einen Film selbst zu stemmen, ihn auf das Festival zu bringen und im Programmheft zu würdigen, hat keine Nachwuchsförderung nötig. Er hat eine Bühne.
Bühnen werden nicht verschenkt. Sie werden bezahlt — oder man wird auf sie gebeten. Beides hinterlässt Spuren.
Peltz sprach in ihrer Dankesrede von einer „Schwäche", ohne sie zu benennen. Die Industrie füllt die Lücke.
„Lola" kann diese Auszeichnung künstlerisch rechtfertigen, wenn man das Werk separat betrachtet. Die Auszeichnung wird nicht separat vergeben. Sie wird vor einem Publikum vergeben, das die Vorgeschichte der Preisträgerin kennt. Sie wird in den Schlagzeilen des nächsten Tages wieder mit deren Namen verknüpft. Sie wird in einem Geschäft vergeben, das auf Wiedererkennungswert baut.
Das ist kein Einzelfall. Festivals, Industrieverbände und Marketingabteilungen funktionieren über dasselbe Prinzip: Wer sichtbar ist, wird sichtbarer. Wer das Netzwerk besitzt, bekommt die nächste Plattform. Wer das Geld besitzt, kann beides zugleich kaufen. Peltz vereint diese drei Bedingungen in einer Person. Das macht sie nicht zur schlechten Schauspielerin. Es macht den Preis zum Symptom eines Systems, das sich selbst feiert.
Die Brosche bleibt an ihrem Revers. Die Frage, wer sie dort befestigt hat, wird in Venedig nicht beantwortet.
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