apur ruft die Brücke aus — die Arbeiter gehen nach Moskau
Der Stadtstaat will Zentralasien und Südostasien verknoten. Die Wanderarbeiter zieht es derweil gen Osten — nach Russland, in die Türkei, nach Prag. Wer hier Brücke sagt, sollte fragen, wer sie benutzt.
Singapore hat sich in Position gebracht. Am 1. Januar übernimmt der Stadtstaat den Vorsitz der Asean, just zum sechzigsten Geburtstag des Bündnisses. Premier Lawrence Wong sprach am National Day Rally am 22. August von einer Welt, die „zerklüftet und gefährlich" werde — Myanmar im Bürgerkrieg, der Thailand-Kambodscha-Grenzstreit ungelöst, das Südchinesische Meer im Dauerkonflikt, Washington abgelenkt von eigenen Krisen. Seine Antwort: nicht zurückziehen, nicht einkrümmen, sondern den elf Mitgliedern des Verbandes eine „effektivere Einheitsmarkt"-Integration abverlangen. Eine Herkulesaufgabe für ein Land von der Größe eines hessischen Mittelgebirges, das seine sechs Millionen Einwohner als diplomatisches Kapital einzusetzen gedenkt.
Dann der zweite Streich, kaum zwei Wochen später: Senior Minister Lee Hsien Loong reiste vom 24. bis 31. August durch Kasachstan und Usbekistan. Er pries den Stadtstaat den zentralasiatischen Geschäftsleuten als Tor nach Südostasien an — 700 Millionen Menschen, eine der am schnellsten wachsenden Regionen der Welt. Vor dem usbekischen Parlament sagte er, Singapore wolle „Wege erkunden, die Zusammenarbeit beider Regionen zu vertiefen" — Logistik, Konnektivität, Energie. Lee sprach das Wort „Brücke" nicht selbst. Die South China Morning Post tat es für ihn — und nannte den Stadtstaat gar die „natürliche Wahl".
Doch die Frequenz, die hier mitschwingt, ist eine andere. Wer die Wanderungsdaten ansieht, hört Russland zuerst. Moskau bleibt das Hauptdestination für Wanderarbeiter aus Zentralasien. Die Türkei führt längst eigene Kapitel — Arbeitsmigration ist ein eigenständiges Kapitel der türkisch-zentralasiatischen Partnerschaft. Ankara treibt zugleich mit der Tschechei die Zusammenarbeit in Verteidigung und Technologie voran. Wer in Taschkent oder Almaty auf der Straße fragt, wohin die Söhne ziehen, hört nicht Singapur. Er hört Moskau, Istanbul, Prag.
Das ist der Graben, über den Lees Brücke nicht trägt. Singapore kann Verträge schließen, Konferenzen abhalten, auf Hochglanzpapier Drehscheibe spielen. Solange Russland die Hauptzieht bleibt, solange die Türkei ihre eigenen Migrationskanäle öffnet und Prag mit Ankara eine eigene Technologieachse formt, bleibt Singapurs Bauwerk ein Projekt ohne Verkehr.
Die Asean-Vorsitzrolle verschärft den Spagat. Der Stadtstaat will den Block „durch die Krise steuern", wie Wong es formulierte — „endure and survive for many years to come". Doch Steuerung verlangt Hebel. Und Hebel sind in einer Region, die zwischen Peking, Washington und Tokio balanciert, knapp. Kleinstaat, große Agenda — diese Formel hat Singapur bisher getragen. Sie trägt weiter, solange der Stadtstaat als ehrlicher Makler auftritt und nicht als verlängerter Arm eines externen Akteurs.
Die Analysten, die der South China Morning Post das Wort reden, sehen das anders. Thitinan Pongsudhirak von der Chulalongkorn-Universität in Bangkok sagt, kein Land passe besser auf den Asean-Vorsitz als Singapore. Das ist höflich. Es ist auch das, was man sagt, wenn man vom nächsten Asean-Gipfel eine Einladung erwartet.
Was die Depesche nicht ausspricht: dass der Stadtstaat gleichzeitig darum wirbt, die Ströme aus Zentralasien durch eigene Kanäle zu leiten — und damit in Konkurrenz zu jenen Mächten tritt, die längst tief in der Region verwurzelt sind. Die alte Frage stellt sich auch hier: Wer kontrolliert die Drähte? Wer kassiert die Gebühren? Und wer zahlt den Preis, wenn das Kabel reißt?
Der Lötzinn glüht noch. Der Kaffee ist kalt. Auf den Drähten höre ich: Singapore sendet, Russland empfängt. Dazwischen liegt mehr als ein Ozean — es liegen Geschäftsordnungen, Sprachen, Vertrauen, die in Jahrzehnten gewachsen sind und sich nicht per Parlamentsrede umleiten lassen.
Ada Voss meldet aus dem Funkhaus an der Küste.
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