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Terminal Tribune

10. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

DER ABGESCHALTETE SENDER: BRÜSSEL VERHANDELT OHNE USA

10. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ich höre das, was andere überhören wollen. Diesmal: ein Sender, der drei Jahre lang Impulse aussendete, und jetzt still geworden ist. Das Pentagon baute ein Netz auf. Jetzt sitzt es nicht mehr am Tisch.

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Donnerstag, NATO-Hauptquartier in Belgien. Die westlichen Mächte treffen sich, um über den Schutz von Zivilisten in Kriegszeiten zu sprechen. Eine Konferenz, die ihren Ursprung in jenem Programm hat, das nach zwanzig Jahren sogenannter „Ewiger Kriege" aus den Lektionen von Afghanistan und Irak gezogen wurde. Die Vereinigten Staaten haben das Programm mitbegründet. Sie haben Standards koordiniert, mit den Niederlanden zusammengearbeitet, Daten gesammelt. Sie waren der Sender.

Heute sitzt keine US-Delegation im Raum.

Verteidigungsminister Pete Hegseth hat die Mission zur Minderung ziviler Schäden abgewickelt — CHMR, ausgesprochen „Schimmer". Civilian Harm Mitigation and Response. Das Pentagon hatte das Programm 2022 offiziell angenommen: ein spezialisiertes Zentrum, das Angriffsdaten sammelt, Berater, die in regionale Kommandos eingebettet werden, um das Risiko für Nichtkombattanten zu mindern. Die Idee: aus den Fehlern lernen. Aus den Toten lernen.

Jetzt ist der Sender aus.

Aktuelle und ehemalige Pentagon-Vertreter, die auf Bedingung der Anonymität sprechen — aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen durch die Regierung von Präsident Donald Trump — nennen den Schritt „demütigend" und „gefährlich". Sie sagen: Die USA haben sich aus jenem Standardisierungsprozess zurückgezogen, den sie selbst aufgebaut haben. Der Stuhl ist leer. Die Frequenz ist offen.

Was passiert, wenn der Hauptsender einer Norm schweigt?

Ich übersetze das in die Sprache meiner Werkstatt. In der Telegraphie, im Funk, im Radar gibt es ein Grundprinzip: Fällt ein Sender aus, füllt jemand anderes die Frequenz. Die Frage ist nie, ob gesendet wird. Die Frage ist, wer das Mikrofon hält, wer das Signal definiert, wer den Preis für das Rauschen zahlt.

Das Internationale Kontaktgruppentreffen zur Minderung ziviler Schäden — jenes Forum, das die USA mitgegründet haben — tagt in Brüssel ohne seinen Mitbegründer. Was bleibt, ist ein Vakuum. In dieses Vakuum fließen Berichte über steigende Opferzahlen im Iran nach Angriffen auf Schulen und Wohnhäuser. Das Pentagon lehnte eine Stellungnahme zur Nicht-Teilnahme ab. Ein Sprecher hatte zuvor erklärt, das Ministerium beachte den Zivilistenschutz in allen Phasen der operationellen Planung und bleibe seinen Verpflichtungen verpflichtet. Ein Standardsatz. Kein Signal.

Jenny McAvoy, ehemalige Pentagon-Verantwortliche, die das US-Programm mitgeformt hat, sagt: „Es wird einen Tag geben, an dem Menschen, denen die Minderung ziviler Schäden am Herzen liegt, zurückkommen und sagen können: ‚Okay, sind wir bereit, dieses Problem zu lösen?' Aber es gibt bereits enorme Konsequenzen, diese Arbeit aufzugeben."

Konsequenzen, die ich höre.

Ich höre genauer hin. Die USA waren Co-Architekt eines Rahmens, der aus den Toten in Afghanistan und im Irak und aus der Tragödie eines niederländischen Luftangriffs von 2015 im Irak geboren wurde. Luftschläge auf eine Autobombenfabrik hatten damals ein nahegelegenes Munitionsdepot entzündet. Die Explosion tötete mindestens 70 Zivilisten, Hunderte wurden verletzt. Die niederländische Verantwortung wurde erst 2019 öffentlich — nationaler Skandal, Vorwürfe der Vertuschung. Beide Länder kamen mit ihren Toten an einen Tisch. Beide Länder schrieben Standards. Nun ist einer der beiden still.

Ein Sender, der abschaltet, hinterlässt keine Stille. Er hinterlässt ein Frequenzband, in das andere hineinsenden werden. Welche Normen in den kommenden Jahren für den Schutz von Zivilpersonen in Konflikten formuliert werden, welche Standards Gültigkeit erlangen — all das wird nun ohne jenen Stuhl entschieden, an dem Washington hätte sitzen sollen. Das ist nicht allein eine Versammlung, der ein Gast fehlt. Das ist ein geopolitischer Moment, in dem ein Standards-Vakuum entsteht. In dieses Vakuum drücken andere Akteure ihre Definitionen hinein.

Das Pentagon, das die Standards vor drei Jahren noch als „einzigartige Gelegenheit" für amerikanische Führungsstärke durch Beispiel beschrieb, hat die Sendestation demontiert. Die Mission, die nach dem 11. September 2001 geboren wurde, ist unterbrochen.

Die Drähte summen weiter. Aber der eine Ton, der den Takt angab, fehlt. Brüssel verhandelt ohne die USA. Was in Brüssel ohne die USA verhandelt wird, formt die Standards von morgen.

Wer das Mikrofon hält, wer den Preis zahlt — das höre ich weiter. Für die Terminal Tribune.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Western Powers met to discuss protections for civilians during wartime

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZITAT The U.S. was absent from the meeting

    „And Thursday, no U.S. delegation will be in the room when the international forum the U.S. cofounded meets at NATO headquarters in Belgium.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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