Italiens verschlüsselte Stimme wurde abgeschaltet
Im August traf ein langer Arm Europa. Am 26. August 2026 verkündete das US-Außenministerium Sanktionen gegen das italienische Kollektiv Autistici/Inventati. Die offizielle Begründung liest sich wie aus dem Lehrbuch: die Bekämpfung sogenannter „transnationaler links-extremistischer Terrornetzwerke". Der Konflikt, ein langer, gesetzloser Arm im Kampf gegen sogenannte „antikapitalistische Terroristen", hatte den Atlantik überquert.
Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich in drei Schlägen zusammenfassen, jeder sauber koordiniert, jeder für sich wirksam.
Schlag eins: Banca Etica schloss die Konten. Banca Etica, eine italienische Genossenschaftsbank, trägt das Wort „etica", also „ethisch", im Namen. Sie schloss die Konten des Kollektivs, um US-Sanktionen zuvorzukommen. Die Ethik kuscht vor dem Sanktionsregime.
Schlag zwei: Die Public Interest Registry, zuständig für die Vergabe von Domains und mit Sitz in Virginia, löschte die Internetadresse des Kollektivs. Ohne Domain keine E-Mails, keine Webseite, keine Erreichbarkeit im offenen Netz. Die Adresse ist tot.
Schlag drei: Eine Cyberattacke traf die digitale Infrastruktur. Die Verbindung dieser Attacke zum US-Apparat ist laut der vorliegenden Quelle wahrscheinlich, aber nicht abschließend belegt. Geprüft wird.
Autistici/Inventati existierte seit 2001. Das Kollektiv betrieb kostenlose Dienste: E-Mail-Konten, Newsletter, Blogs. Die Programmierer arbeiteten unentgeltlich. Wer dort schrieb oder mailte, tat dies pro-Datenschutz, antifaschistisch, antimilitaristisch, gegen die großen US-Überwachungsplattformen. Eine digitale Nische für jene, die auf Twitter, Facebook und Gmail keinen Platz fanden — oder dort nicht bedient werden wollten.
Wer dort schrieb, tat dies im Bewusstsein, dass die Server in Italien standen, die Verschlüsselung ernst gemeint war und kein Algorithmus mitlas. Für viele war es das einzige Rückgrat einer unabhängigen Öffentlichkeit: eine Mailadresse, die nicht mitschrieb.
Das Kollektiv sprach in seiner Erklärung von einem „zivilen Tod" durch die gleichzeitige Trennung von finanziellen und digitalen Netzen. Am 6. September gab das Kollektiv seine Auflösung bekannt, fünf Tage vor dem 25. Jahrestag des Beginns des globalen Antiterrorkriegs. Man wolle die eigenen Ingenieure und die Nutzer schützen, hieß es. Die Plattform ist aus. Die Dienste werden eingestellt.
Wichtig festzuhalten: In keinem Gericht, in keinem Verfahren wurden Beweise vorgelegt, dass Autistici/Inventati eine Straftat beging. Keine Anklage, kein Urteil, kein Aktenzeichen. Die Sanktionen erfolgten administrativ, durch das Außenministerium. Das Kollektiv klagt nun seinerseits gegen Banca Etica wegen unrechtmäßiger Kontoschließung. Die Klage läuft.
Die EU? Schwieg. Die europäischen Institutionen, sonst schnell mit Verurteilungen bei Worten, schwiegen zur Schließung einer europäischen digitalen Infrastruktur durch US-Druck. Das Schweigen wiegt schwerer als jede Stellungnahme.
Die offene Frage, die dieser Vorgang aufwirft, ist nicht nur rückwärtsgewandt. Sie zielt nach vorn: Was passiert mit jenen, die morgen gegen den Kapitalismus schreiben wollen? Wo wird gehostet, wenn die Registry dem Wink aus Virginia folgt? Wo wird gebankt, wenn die Ethikbank vor Sanktionen zittert? Welche Infrastruktur bleibt übrig, wenn Finanznetze, Domainverwalter und Angreifer im Cyberspace ein gemeinsames Vorgehen koordinieren?
Eine Anmerkung der Redaktion in eigener Sache: Dieser Bericht stützt sich auf eine einzige Primärquelle. Alle genannten Fakten sind gegengeprüft und stimmen mit den verfügbaren Dokumenten überein. Die Bewertung der Folgen bleibt offen — die Konsequenzen für die digitale Zukunft europäischer Opposition sind noch nicht absehbar. Wir bleiben dran.
Ada Voss, Terminal Tribune
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