Simon Levy schuldig: Zwei Morde unter Polizeibail — die Akte des Versagens
London, August 2026. Der Angeklagte heißt Simon Levy, 40 Jahre alt, und das Urteil des Old Bailey spricht Bände über mehr als nur einen einzelnen Mann. Zwei Frauen sind tot. Eine dritte überlebte knapp. Dazwischen liegen mindestens fünf sexuelle Übergriffe in Zügen der London Underground, dokumentierte Festnahmen, heruntergestufte Risikoeinstufungen und eine Kautionspraxis, die Levy wiederholt auf die Straße entließ.
Levy wurde im April 2025 unter dem Verdacht festgenommen, die 53-jährige Carmenza Valencia-Trujillo ermordet zu haben. Eine Obduktion konnte die Todesursache nicht zweifelsfrei klären, ein Drittperson-Bezug ließ sich aus dem Leichenbefund nicht bestätigen. Die Metropolitan Police ließ ihn frei. Was folgte, ist kein Zufall, sondern ein dokumentierter Ablauf: Levy verging sich an fünf Frauen in Zügen, bevor er im August 2025 die 39-jährige Sheryl Wilkins auf die gleiche Weise tötete wie Valencia-Trujillo — durch Ersticken. Die Methode war identisch. Die Tatorte lagen in derselben Stadt.
Das dritte Opfer, das einen Angriff im Januar 2025 überlebte, hätte ausreichen müssen. Die British Transport Police hatte Levy bereits 2024 und Anfang 2025 mehrfach wegen sexueller Übergriffe in Zügen festgenommen — auch zu einem Zeitpunkt, als er bereits als Verdächtiger im Mordfall Valencia-Trujillo galt. Er wurde gegen Kaution freigelassen, jedes Mal. Einmal lief er parallel als Verdächtiger in einem Mordfall und in einer Vergewaltigung — und blieb auf freiem Fuß.
Die Staatsanwaltschaft Crown Prosecution Service hat inzwischen eingeräumt, dass „relevante Informationen zur Kautionsfrage" dem Gericht nicht vorgelegt wurden. Deputy Assistant Commissioner Kevin Southworth von der Metropolitan Police erklärte gegenüber der BBC, Wilkins' Leben hätte gerettet werden können, und entschuldigte sich bei ihrer Familie. Die Met hat sich selbst an das Independent Office for Police Conduct überwiesen, nachdem sie Levy bereits 2024 vom Hochrisiko- zum mittleren Risikostatus heruntergestuft hatte. Assistant Chief Constable Charlie Doyle von der BTP gestand ein, die ersten Ermittlungen seien nicht schnell genug geführt worden. Die BTP hat ihre Verfahren inzwischen geändert, um Wiederholungstäter schneller zu bearbeiten und verknüpfte Taten besser zu priorisieren.
Wer zahlt den Preis? Die Frauen, die auf den Bahnsteigen und in den Tunneln Londons zu Opfern wurden. Wer kontrolliert die Kontrolleure? Eine Frage, die in jedem Funkraum dieser Stadt gestellt werden muss, wenn ein Mann wie Levy mehrfach festgenommen wird und die Maschinerie ihn dennoch nicht festhält. Die Antwort, die bislang auf dem Tisch liegt, ist bürokratisch: eine fehlende Obduktion, eine nicht weitergeleitete Information, eine heruntergestufte Risikoeinstufung, ein Kautionsformular. Jeder dieser Posten ist ein eigener Reiter in einer Akte. Niemand hat die Reiter zusammengeführt.
Die offene Frage nach dem Umfang bleibt unbeantwortet — und sie ist die wichtigste. Wie viele Frauen insgesamt betroffen sind, ist nicht abschließend geklärt. Die Polizei ruft weitere mögliche Opfer auf, sich zu melden. Die Methode — gezielter Angriff in der U-Bahn, sexuelle Gewalt — legt nahe, dass die wahre Zahl über die fünf bekannten Zug-Übergriffe hinausgeht. Welchen konkreten Verlauf dieser kriminelle Zyklus genommen hat, zwischen welcher Tat die Eskalation stattfand und an welcher Stelle ein entschlossener Eingriff das zweite Tötungsdelikt hätte verhindern können, ist Gegenstand laufender Ermittlungen. Diese Ermittlungen beginnen erst, nachdem zwei Frauen tot sind.
Fest steht heute: Simon Levy tötete zwei Menschen und hätte beinahe ein drittes Leben ausgelöscht, während die Institutionen, die ihn hätten stoppen sollen, ihn mit jeder Festnahme freigaben. Eine Risikoeinstufung war ein Formular. Eine Obduktion war eine Lücke. Eine Kaution war ein weiteres Formular. Die Beteiligten sprechen heute von Fehlern, von Verfahren, von Selbstüberweisungen an Aufsichtsbehörden, von geänderten Abläufen. Die Drähte summten. Niemand hörte hin.
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