Börse 1937
Terminal Tribune

15. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Lötkolben und Wahlzettel: Wenn Hackspaces vor der Landtagswahl politisch werden

15. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Stralsund, im September 2026. Die Drähte summen, auch wenn sie heute aus Glasfaser sind statt aus Kupfer. Auf Rügen findet das InselChaos statt — vier Monate im Voraus ausverkauft, Hunderte Technikbegeisterte aus dem ganzen Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland. Parallel wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Am 20. September ist Mecklenburg-Vorpommern an der Reihe.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Die Macher des Events sitzen im Port39, einer Außenstelle des Chaos Computer Clubs in Stralsund. Sprecher Flo nennt seine Truppe schlicht „das dünnst besiedelte Chaos". Die Metapher stimmt: Mecklenburg-Vorpommern ist das Bundesland mit der geringsten Bevölkerungsdichte. Es ist auch das mit dem niedrigsten Lohnniveau, der geringsten Lebenszufriedenheit — und einer der höchsten Quoten rechtsextremer Straftaten pro Einwohner.

Diese Statistik ist der Grund, warum das InselChaos kein reines Basteltreffen ist. Im vergangenen Jahr lief dort die Migrationsdoku „Kein Land für Niemand". Dieses Jahr: „Im Frühling die Brücken", ein Dokumentarfilm über Proteste gegen rechtsextreme Aufmärsche in Demmin. Das Programm steht offiziell zwischen Technologie, Gesellschaft und Kreativität — die Reihenfolge ist Programm. Es wird zusammen programmiert, gelötet, 3D-gedruckt. Es wird aber auch diskutiert, gefragt, gestritten.

„Was technisch ist, ist immer politisch", formuliert es die Netzpolitik-Redaktion. Wer in diesen Räumen löte, programmiere, Daten verarbeite, der diskutiere eben auch über Staatstrojaner, Hackerparagrafen und den Zustand der Demokratie. Die Instrumente seien dieselben: Wissen teilen, Strukturen aufbauen, Sichtbarkeit herstellen.

In Mecklenburg-Vorpommern wird die AfD nach den Umfragen stärkste Kraft. Die demokratischen Parteien erhalten mehr Zuspruch als in Sachsen-Anhalt, der Abstand ist schmal. Für progressive Räume wie den Port39 bedeutet das: Stabilität bewahren, nicht zurückziehen. Flo sagt, intern werde zynisch formuliert, es sei „das letzte InselChaos, bevor die Insel braun wird". Das ist Galgenhumor, aber auch ein Lagebericht. Die Sorge vor dem eigenen Wahltag begleitete viele Teilnehmende das ganze Wochenende.

Vier Hackspaces in Mecklenburg-Vorpommern haben ihre Mitglieder befragt. Sie alle behalten die Bundes- und Landespolitik im Blick — nicht nur, wenn es um Hackerparagrafen oder Staatstrojaner geht. Sie behalten sie im Blick, weil sie wissen, dass politische Verschiebungen unmittelbar in ihre Arbeit einschlagen: in die Förderbedingungen, in die Versammlungsfreiheit, in die Sicherheit ihrer Räume.

Die Frage drängt sich auf: Was passiert, wenn eine technische Community zum Wahlkampfmaterial wird — gewollt oder ungewollt? Der Port39 ist keine Partei, keine Lobby, keine Behörde. Er ist ein Verein mit Lötkolben und Beamer. Aber wer den Raum kontrolliert, wer dort spricht, wer das Programm gestaltet, der bestimmt, welche Bilder und Narrative in einer Region verfangen, die anfällig ist für einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

Die Branche selbst diskutiert das offen. Im Sommer 2026 waren Mitglieder der FAU-Brancheninitiative IT in rund fünfzehn Hackspaces zwischen Bremen und Augsburg zu Gast. Ihr Fazit: Das Interesse an netzpolitischen Themen ist groß, manche Räume verstehen sich explizit als antifaschistisch oder queer, andere bleiben technisch-formal. Was eint, ist die Selbstorganisation — gemeinsame Ressourcen, gemeinsame Entscheidungen. Was trennt, ist die Frage, wie viel Politik im Programm verträglich ist.

Die einen sagen: Wer schweigt, lässt andere sprechen. Die anderen sagen: Eine Werkstatt ist keine Parteizentrale. Beides hat seine Logik. Beides hat seinen Preis. Der Port39 hat sich entschieden — er zeigt den Dokumentarfilm über Demmin, er nennt die Statistiken beim Namen, er macht das InselChaos vier Monate im Voraus ausverkauft. Das ist keine Wahlwerbung. Das ist auch keine Wahlwerbung.

Für die Terminal Tribune bleibt festzuhalten: Technik war nie neutral. Der Telegraphenbote im letzten Jahrhundert war genauso wenig neutral wie der Funkamateur oder der Radarbeobachter. Die Strippe kennt kein Geschlecht — ich sitze seit Jahrzehnten an ihr. Wer die Frequenz besetzt, besetzt die Diskussion. Die Hackspaces im Nordosten besetzen sie gerade — mit Code, mit Dokumentarfilmen, mit Präsenz. Ob das die Wahl beeinflusst, ist offen. Dass es eine Wahl ist, steht außer Frage.

Ich bleibe an der Strippe. Der Kaffee ist kalt, die Drähte summen weiter.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 1 Behauptung belegt
  1. ZITAT Das zentrale Argument lautet, dass technische Themen immer politische Dimensionen haben

    „„Was technisch ist, ist immer politisch““ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort