Depesche aus der Stube: Media Forward Fund entsendet die ersten Vier
Die These klingt wie eine gut geölte Schallplatte: Die Zukunft des gemeinwohlorientierten Journalismus liege in der Community. Wer soll widersprechen? Eine Stube, die sich selbst verwaltet, eine Redaktion, die ihre eigenen Themen setzt, ein Sender, der nicht mehr vom Anzeigenkunden abhängt — das klingt nach demokratischem Honig. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und gerade deshalb höre ich genauer hin.
Die Allianz Foundation hat im Juli 2024 einen Topf aufgestellt, der genau das finanzieren soll. Name: Media Forward Fund. Begründung: „Demokratien brauchen unabhängigen, langfristig und nachhaltig finanzierten Journalismus." Wer hier „unabhängig" definiert, wer festlegt, was nachhaltig ist — das steht in den Bedingungen. Eine Jury entscheidet, welche Redaktionen Mittel erhalten. Die Jury ist nicht öffentlich gewählt, sie wird eingesetzt. Kein Vorwurf, ein Hinweis: Wer die Mittel verteilt, hält die Hand auf der Karte des Feldes.
Vier Redaktionen haben im ersten Schwung Geld bekommen. Eine davon heißt „andererseits" — ein inklusives, community-basiertes Medienhaus, das die Perspektive von Menschen mit Behinderungen im Journalismus sichtbarer machen will. Redakteurinnen und Redakteure mit Behinderung recherchieren und schreiben in der eigenen Redaktion. Das ist nicht nur Methode, das ist Programm: die Perspektive kommt aus der Mitte der beschriebenen Gruppe. Eine ehrliche Sache, soweit man es von außen beurteilen kann. Aber wer prüft das? Wer kontrolliert, ob die Mittel tatsächlich bei den Community-Mitgliedern ankommen und nicht in der Verwaltung versickern?
Das Netzwerk Recherche hat im Journalism Value Report 174 Redaktionen aus 31 europäischen Ländern befragt. Das Bild ist eindeutig: gemeinwohlorientierte Redaktionen arbeiten am Rand der Existenz. Sie finanzieren sich über Stiftungen, Mitgliedschaften, Spenden — ein Flickenteppich, der bei jeder konjunkturellen Kälte reißt. Was der Media Forward Fund verspricht, ist ein zusätzlicher Faden im Teppich. Ein einzelner Faden trägt jedoch kein Kleid.
Cui bono — wem nützt es? Dem Journalismus, heißt es. Der Demokratie, heißt es. Der Community, heißt es. Aber wer sitzt am längeren Hebel — die Stiftungen, die das Geld geben, oder die Redaktionen, die es ausgeben? Stiftungen leben von ihrer Reputation. Sie brauchen sichtbare Erfolge, um weitere Mittel einzuwerben. Das ist kein böser Wille, aber ein Mechanismus: Erfolg wird sichtbar, wenn er in Geschichten erzählt wird, die das Narrativ der Stiftung stützen. Die unsichtbare Kupferader unter der schönen Oberfläche.
Hinzu kommt: „community-basiert" ist ein weiter Begriff. Eine Redaktion, die ihre Leserinnen und Leser in der Themenauswahl einbezieht, ist community-basiert. Eine Redaktion, die ausschließlich mit Journalistinnen und Journalisten aus der Community besetzt ist, ist es auch. Eine Redaktion, die von einer stiftungsgeprägten Agenda getragen wird und das Wort Community nur als Etikett führt, ist es nicht — aber sie kann es behaupten. Solange niemand misst, was das Wort im Einzelfall bedeutet, bleibt es eine Tür, durch die jeder gehen kann.
Die Machtverschiebung, die hier stattfindet, ist real, aber sie ist nicht binär. Es geht nicht nur darum, ob die Redaktionen vom Anzeigenmarkt unabhängig werden. Es geht auch darum, ob sie von der Stiftungslogik unabhängig bleiben. Der Media Forward Fund ist jung, gestartet im Juli 2024. Erste Entscheidungen sind getroffen, vier Redaktionen benannt. Was jetzt fehlt, ist die zweite Lesart: Was passiert mit den Redaktionen, die nicht zum Zug kommen? Welche Themen werden gefördert, welche nicht? Wer kontrolliert die Kontrolleure?
Was bleibt, ist ein Versprechen, das seine Kraft aus der Formulierung zieht: Community. Stube. Wir. Die Worthülsen sind weich genug, dass jede Stiftung, jede Redaktion, jede Leserin sich darin wiederfinden kann. Genau das macht sie mächtig — und genau das macht sie verdächtig. Im Journalismus ist die größte Gefahr nicht die offene Zensur. Es ist das Einverständnis, das niemand bemerkt.
Die Drähte summen weiter. Ich höre mit.
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