Die Lüftung von Ground Zero: Gift, Akten, Gedenken
Die Drähte summen lauter als gewöhnlich. New York, September 2026. Ich übersetze.
Bürgermeister Zohran Mamdani hat am Dienstag die Veröffentlichung von 170.000 Dokumenten angekündigt. Ihr Inhalt, so der Bürgermeister auf einer Pressekonferenz: was die Stadtverwaltung über die Giftigkeit der Luft am Ground Zero wusste, wann sie es wusste, und wie sie handelte, um die städtische Haftung zu begrenzen.
Die Veröffentlichung kommt vor dem 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001. 2.977 Menschen starben an jenem Tag, die meisten beim Einsturz der Zwillingstürme. Seither, so eine bundesstaatliche medizinische Überwachungsstelle, über 9.400 weitere durch Krankheiten, die mit ihrer Exposition am Ground Zero verknüpft werden.
Mamdanis Vorwurf wiegt schwer: Die Stadt habe nicht alles veröffentlicht, was sie wusste. Er sprach wörtlich von Lüge. Bürgermeister sagen so etwas selten.
Die Dokumente, so AFP, betreffen Gesundheitsbedenken, Luftqualität und die Reaktion der Stadt auf die Anschläge. Das Wort Haftung steht zentral. Es bedeutet: juristische Verantwortung. Es bedeutet: Dollars.
Die Logik dahinter ist in jedem Aktenregal zu Hause. Wer zu früh warnt, macht sich angreifbar. Wer zu spät reagiert, ebenso. Wer weder warnt noch reagiert, sitzt zwischen den Klagen. Was wann von wem gewusst wurde — die 170.000 Seiten sollen diese Frage beantworten.
Doch dieselbe Woche liefert mehr Material.
Am Freitag unterzeichnete Mamdani im Blue Room des Rathauses zwei Executive Orders. Eine etabliert einen Tag des Gedenkens. Eine verstärkt die Sicherheitsvorkehrungen gegen künftige Terrorangriffe. Nach der letzten Unterschrift reichte Mamdani den zeremoniellen Stift nicht an die übliche Empfängerin weiter, so berichten die New York Post und andere. Stattdessen ging er an Ramzi Kassem, seinen Chefjuristen, der in der Vergangenheit einen al-Qaida-Terroristen verteidigt hatte. Polizeikommissarin Jessica Tisch, die den Stift zuerst erhielt, gab ihn weiter und verließ als erste offizielle Person den Raum. Ein pensionierter Detective namens Michael Alcazar sprach von einer „kalkulierten" Geste. Dennis Warchola, dessen Bruder Michael Feuerwehrmann bei Ladder 5 war und im Nordenturm ums Leben kam, nannte es „Bullshit". Familien der Opfer waren bei der Zeremonie nach Berichten mehrerer Quellen nicht anwesend.
Kritik folgte. Rudy Giuliani, Bürgermeister zur Zeit der Anschläge, warf Mamdani vor, aus den Akten politisches Kapital zu schlagen. Congressman Lawler kritisierte seine Teilnahme an der Gedenkfeier. Andere Stimmen hielten dagegen, Mamdani habe als Bürgermeister an der Seite der Familien zu stehen.
Die Spannung formt die Bühne. Mamdani kündigt 170.000 Seiten an, die zeigen sollen, dass die Stadt ihre Bewohner und Ersthelfer über die Luft im Stich ließ. Im selben Atemzug signiert er Anordnungen, reicht einen Stift an einen Anwalt mit al-Qaida-Mandat weiter, nimmt an der Gedenkfeier teil — während Kritiker ihm vorwerfen, genau diese Geste sei politische Inszenierung.
Giuliani ist in dieser Konstellation kein neutraler Beobachter. Seine Verwaltung fiel in die Anschlagszeit. Die Akten, die jetzt geöffnet werden, betreffen unmittelbar die Amtsperiode, in der er regierte. Sein Vorwurf, Mamdani betreibe Politpunkte, kommt aus dieser Position.
Mamdani ist in dieser Konstellation kein neutraler Beobachter. Er hält die Stadtakten in der Hand, die er öffnet. Er steht auf einer Bühne, die er selbst gestaltet hat.
Wer profitiert? Die Familien der 2.977 Toten und der über 9.400 weiteren, die an Folgeschäden starben, sind in beiden Erzählungen das Material. Mamdani sagt: die Stadt hat euch belogen. Giuliani sagt: dieser Bürgermeister nutzt euch aus. Beide beanspruchen die Opfer als Beweisstück ihrer jeweiligen Geschichte.
Die Dokumente sind veröffentlicht. Die Kritik ist veröffentlicht. Was die Akten im Einzelnen belegen, wird die Auswertung zeigen.
Gleichzeitig operieren alle Akteure mit dem Gedenken als Plattform. Die Stadtverwaltung öffnet Akten. Der amtierende Bürgermeister unterschreibt Anordnungen. Ein ehemaliger Bürgermeister klagt an. Ein Kongressabgeordneter tadelt die Teilnahme. Pressekonferenzen, Executive Orders, Tweets, Stiftweitergabe — alles trägt das Datum des Jahrestags.
Der Journalist sollte sich fragen, wessen Kanal er ist. Aber er sollte auch nicht aufhören zu senden.
Ich bin Ada Voss. Die Drähte summen. Die Akten sind real. Die Luft war giftig. Die Stifte sind verteilt.
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