Verhört, nie verurteilt: Zwei Fälle, eine Maschinerie des Schweigens
Nein, ich schreibe keinen Bericht. Ich eröffne einen Verhörraum.
Zwei Fälle. Zwei Zeiten. Eine Maschinerie, die sich weigert, Rechenschaft abzulegen.
Beginnen wir mit dem, was offiziell aufgeklärt sein müsste. Am Dienstag, pünktlich zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001, stehen Familien der Opfer wieder vor dem saudischen Konsulat in Manhattan. Brett Eagleson von der Organisation 9/11 Justice spricht. Die Forderung: Aufklärung. Die Antwort seit Jahren: Stille.
Der Fall Omar al-Bayoumi. Ein saudischer Student, mittleren Alters, der in San Diego lebte und zwei der Entführer im Jahr 2000 bei ihrer Eingewöhnung in den Vereinigten Staaten unterstützte. Das FBI identifizierte ihn wenige Tage nach den Anschlägen, die fast 3.000 Menschen töteten. Bayoumi war inzwischen nach England gezogen. Auf Ersuchen der Behörde wurde er dort festgenommen. Die Durchsuchung seiner Wohnung und seines Büros ergab ein ganzes Lager an Beweismaterial, das die Ermittler aufhorchen ließ. Was danach geschah, bleibt im Dunkel.
Bayoumi wurde befragt, von der britischen Polizei freigelassen und kehrte schließlich nach Saudi-Arabien zurück. Jahrelang beharrte das FBI darauf: kein eigentlicher Verdächtiger. Zufällige Begegnung. Unwissentliche Hilfe. Nichts deutet auf einen militanten Islamisten hin.
Doch das Bild bekommt Risse. Die beschlagnahmten Dokumente, erst Jahre später öffentlich und in einer Bundesklage gegen die saudische Regierung vorgelegt, zeichnen ein anderes Profil. Bayoumi arbeitete eng mit saudischen Religionsbeamten zusammen. Er war eine Quelle des saudischen Geheimdienstes. Er kooperierte mit Geistlichen, die später als militante Islamisten im Umfeld von al-Qaida auftauchten. Die Führung des FBI beharrt bis heute darauf, Bayoumi habe von den Plänen der beiden Männer, die an Bord von Flug 77 gelangten, nichts gewusst.
Hier wird es unangenehm für die Behörde. Das Material lag beim FBI. Es wurde nicht an die Außenstellen weitergereicht, nicht an Agenten, die Bayoumis Rolle weiterverfolgen wollten. 25 Jahre später stehen die Familien vor verschlossenen Türen und fragen: Was geschah mit den Beweisen? Warum wurden andere Saudis nicht aggressiver verfolgt? Eine Frage, die das Justizministerium nicht beantwortet. Eine Frage, die unter einer Regierung, die die diplomatischen und wirtschaftlichen Bande zum saudischen Königshaus ausgebaut hat, noch schwerer wiegt.
Jetzt der zweite Fall. Eine andere Stadt, eine andere Zeit, dieselbe Mechanik.
Fred Steese. 62 Jahre alt. Im August gestorben. Bauchspeicheldrüsenkrebs, Leber, Stadium vier. Zwischen einer Hernien-OP und dem Hospiz lagen wenige Wochen.
Wer war Fred? Ein Mann, der 1995 wegen Mordes an Gerard Soules verurteilt wurde — einem ehemaligen Trapezkünstler, der in Las Vegas eine Tanzpudel-Show führte. Die Staatsanwaltschaft hatte Beweise, dass Steese zum Zeitpunkt der Tat Hunderte Kilometer entfernt war. Er saß 21 Jahre im Gefängnis, bis ein Richter ihn 2012 für „faktisch unschuldig" erklärte.
Statt Rehabilitation: Die Staatsanwaltschaft wollte einen neuen Prozess. Also bot man ihm einen Deal an. Einen sogenannten Alford-Plea — ein Konstrukt, bei dem der Angeklagte seine Unschuld beteuert, aber akzeptiert, dass der Staat ihn verurteilen könnte. Steese nahm an. Die Ungewissheit eines weiteren Verfahrens war ihm unerträglich. 2017, nach 22 Jahren, wurde er vollständig und bedingungslos begnadigt. Nevada zahlte 1,4 Millionen Dollar. Sein Register war rein.
Dann kam der Krebs.
Fred hatte 13 Jahre Freiheit. 13 Jahre, in denen er in einem heruntergekommenen Motel am Stadtrand von Las Vegas lebte, von der Hand in den Mund, zwischen Stellen und stabiler Unterkunft. Auf dem Papier blieb er ein verurteilter Mörder, bis die Begnadigung kam. Danach zu wenig Zeit, das Leben zurückzugewinnen.
Ich weiß, was Sie jetzt denken: zwei Fälle, zwei Kontinente, kein Vergleich. Ich sage Ihnen: doch. In beiden Fällen verweigert eine Institution die vollständige Aufklärung. Im Bayoumi-Fall hält das FBI Beweise zurück, lässt Verdächtige laufen und versteckt sich hinter dem Mantel nationaler Sicherheit. Im Fall Steese will eine Staatsanwaltschaft ihren Fehler nicht eingestehen und zwingt einen Unschuldigen in ein Geständnis, das seine Würde weiter beschädigt. Die Maschinerie kennt zwei Geschwindigkeiten: schweigen oder zerstören.
Ich sage Ihnen offen, was in diesem Raum gesagt werden muss. Wir haben nur zwei Quellen auf dem Tisch. Beide solide Recherchen, beide mit nachvollziehbarer Methode. Aber bevor irgendetwas in Druck geht, wird jede Aussage gegen die Originaldokumente gehalten. Wir sitzen hier mit Lötzinn und kaltem Kaffee, und das ist genau der Zustand, in dem man Quellen prüft — nicht wenn einem die Geschichte gefällt. Das Königreich Saudi-Arabien bestreitet jede Verstrickung in die Anschläge vom 11. September. Diese Position steht im Raum.
Aber das Muster bleibt erkennbar. 25 Jahre nach den Anschlägen wissen wir nicht, was mit den Beweisen aus Bayoumis Wohnung geschah. Wir wissen nicht, welche saudischen Offizielle welche Rollen spielten. Und wir wissen, dass ein Mann, dem das System 22 Jahre gestohlen hat, nur 13 Jahre hatte, um den Verlust zu betrauern.
Das ist keine Justiz. Das ist eine Bilanz.
Wer kontrolliert diese Archive? Wer profitiert vom Schweigen? Wer zahlt den Preis? Im September 2001 waren es 3.000 Menschen. Im Jahr 2026 sind es Familien, die immer noch fragen. Und ein Fred Steese, der in einem Motelzimmer in Las Vegas starb, mit dem Wissen, dass sein Name nie ganz rein gewaschen wurde.
Die Drähte summen weiter. Die Anklagebank bleibt besetzt. Nur die Angeklagten wechseln.
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