Flagge im Profil: Kaliforniens Senat will Straftäter auf Dating-Apps markieren
Sacramento, 17. April 2026. Im kalifornischen Senat summen die Drähte — nur diesmal nicht zwischen Telegraphenmasten, sondern zwischen Mobiltelefonen und der Frage, was eine Demokratie vom Privaten vermessen darf.
Der Ausschuss für öffentliche Sicherheit im Staatssenat hat diese Woche einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der Online-Dating-Dienste in Kalifornien zur Überprüfung krimineller Hintergründe ihrer Nutzer verpflichten würde. Wer als registrierter Sexualstraftäter geführt wird oder wegen eines gewalttätigen Verbrechens, häuslicher Gewalt, einer Körperverletzung oder eines Hassverbrechens verurteilt wurde, dem soll künftig eine "Flagge" auf das Profil gepflanzt werden. Andere Nutzer sehen das Zeichen — und können es umschiffen.
Bill-Autorin ist die Senatorin Caroline Menjivar, Demokratin aus Van Nuys. Ihre Diagnose ist unverblümt: "Dating-Apps haben ihren Nutzern kein angemessenes Maß an Sicherheit geboten." Als Beleg führt sie eine Umfrage der Columbia Journalism Investigations aus dem Jahr 2019 an — mehr als ein Drittel der befragten Frauen gab an, sexuell angegriffen oder vergewaltigt worden zu sein, von jemandem, den sie über eine Dating-App kennengelernt hatten. Eine Investigation des The Markup aus dem vergangenen Jahr zeigte zudem, dass Beschuldigte wegen sexualisierter Gewalt auf den Plattformen blieben, selbst nachdem Opfer sie gemeldet hatten. Menjivar verwies auf den Fall einer Frau, die im vergangenen Jahr getötet und deren Leiche angezündet wurde, nachdem ihr Mörder sie über eine Dating-App kennengelernt hatte.
Nun die Therapie. Kritiker nennen das Vorhaben einen Scharlacht-Buchstaben — das rote Mal, das den Gebrandmarkten kenntlich macht. Jose Torres, stellvertretender Geschäftsführer der Industrievereinigung TechNet, benennt den Preis: Die Umsetzung würde die Plattformen zwingen, "erhebliche Mengen personenbezogener Daten zu sammeln", um Fehlidentifizierungen zu vermeiden. Die Achillesferse ist sichtbar: Ein System, das Straftäter markieren soll, braucht einen Datenhunger.
Senator Scott Wiener aus San Francisco — Demokrat wie Menjivar — brach aus den eigenen Reihen aus und stimmte gegen den Entwurf. Er befürchtet "erhebliche unbeabsichtigte Folgen für die Privatsphäre der Menschen". Auch sein republikanischer Kollege Kelly Seyarto aus Murrieta votierte dagegen. Vier demokratische Stimmen genügten, um den Gesetzentwurf aus dem sechsköpfigen Ausschuss zu befördern.
Menjivar kündigte an, das Gesetz zu überarbeiten. Die Kategorien der erfassten Straftaten und die operativen Herausforderungen sollen angepasst werden. Am 20. April wandert das Dokument in den Datenschutz-Ausschuss. Die Senatorin verspricht: "Die Abgeordneten werden einen dramatisch anderen Gesetzentwurf sehen."
Die Frage, die in den Drähten summt, ist nicht neu. Wer füttert die Listen? Welche Privatfirma bekommt Einsicht in Strafregister? Die Industrie sagt: zu viel Staat. Die Senatorin sagt: zu wenig Schutz. Wer profitiert legislativ, wenn eine Datenbank wächst — und wer zahlt den Preis? Die Mitte zwischen Sicherheit und Privatsphäre ist schmal. Meist ist sie ein Ort, an dem Datenbanken wachsen.
Hunderte Millionen Menschen weltweit wischen täglich durch Profile, schicken Fotos, treffen Fremde. Sollte Kalifornien Ernst machen, werden bald zwei Sorten von Dating-Nutzern existieren: jene, die wissen, was die App über sie weiß — und jene, die es nicht wissen. Der Unterschied ist eine kleine Flagge im Profil.
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