DR KONGO: ZAHLEN FALLEN — UN NENNT DIE EPIDEMIE 'MASSIV'
Genf, 15. September — Die Drähte aus Genf tragen an einem Tag zwei Töne. Die Vereinten Nationen verkünden erste Erfolge im Kampf gegen den Ebola-Ausbruch im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Und in derselben Pressekonferenz nennen sie die Seuche „massiv". Es ist das Wort, das jeder hört, der hören will. In New York schreibt man Resolutionen. In Genf spricht man über Zahlen. In Butembo sterben Menschen. So funktioniert die Maschinerie — eine Stadt weiter oben in der Pyramide redet, eine andere arbeitet.
Julien Harneis, UN-Sonderkoordinator für Ebola, formuliert es selbst: „Es bleibt eine tödliche und massive Epidemie. Es gibt einige Gebiete mit Fortschritt, aber in anderen sehen wir weiterhin wachsende Fallzahlen." Die Maschine der Hoffnung läuft — und die Maschine der Zahlen läuft daneben, in einem anderen Stockwerk. Was die eine sagt, hört die Welt. Was die andere zählt, hört nur, wer die Frequenz kennt.
Die Weltgesundheitsorganisation tritt auf die Bremse. Olivier le Polain, WHO-Vertreter in Genf, auf die Frage, ob der Wendepunkt erreicht sei: „Es ist zu früh, um mit Sicherheit zu sagen, dass wir den Höhepunkt überschritten haben." Das ist die Sprache des Apparats: offiziell, vorsichtig, nie ganz falsch, nie ganz richtig. Wer auf diese Frequenz hört, weiß — die WHO sagt wenig. Aber sie lügt nicht. Sie sagt nur nicht alles.
Aus Kinshasa kommen konkretere Töne. Gesundheitsminister Samuel Roger Kamba sprach am 12. September von „ermutigenden Zeichen". Die Zahl der täglichen Neuerkrankungen sei vom Höhepunkt der Epidemie, Mitte August erreicht, mit rund 120 auf etwa 80 gefallen. Zehn von 62 betroffenen Gesundheitszonen hätten mehr als 22 Tage lang keinen neuen Fall registriert. „Diese Zahlen sind ein positives Zeichen. Sie zeigen, dass die Bemühungen vor Ort Ergebnisse zeigen und unsere Antwortstrategie beginnt, die Übertragungskurve zu beugen", sagt Kamba. Dann der Satz, den jeder Stabschef kennt: „Wir dürfen die Wachsamkeit nicht senken." Die Wachsamkeit ist das, was Minister beschwören, wenn die Zahlen sinken — die prophylaktische Formel gegen das Versagen.
Im Osten ist die Lage ein Flickenteppich. Wer das Wort Epidemie buchstabiert, lernt hier, dass Geografie kein Detail ist. In Butembo, Nord-Kivu, steigen die Zahlen weiter schnell. Die Stadt ist Knotenpunkt. Hier greifen Einsatzkräfte ins Leere — die Sicherheitslage macht jede Quarantäne zur Wette, jeden Kontakttracing-Einsatz zum Risiko. Bewaffnete Gruppen, Straßenkontrollen, Misstrauen — das ist der Boden, auf dem das Virus Wurzeln schlägt. In der Provinz Ituri, wo der Ausbruch zuerst registriert wurde, zeichnet Jean-Jacques Muyembe, Direktor des Nationalen Instituts für Biomedizinische Forschung, ein anderes Bild: „Hier in Ituri werden die Indikatoren grün, wo sie vorher alle rot waren. Wir sagen nicht, dass die Epidemie vorbei ist, aber wir sagen, dass die Reaktionsteams die Situation unter Kontrolle haben." Er hofft, die Epidemie möge „bis Ende 2026 hinter uns liegen". Hoffnung ist eine Ressource, die in Genf billig ist und in Butembo teuer.
Der Ausbruch, der da verhandelt wird, ist der zweittödlichste seit Beginn der Aufzeichnung. Nur die Epidemie in Westafrika 2014 bis 2016 forderte mehr Menschenleben. Eine Zahl sickerte durch den Nachrichtenkanal, ehe der Draht riss: 7 258. Was genau sie zählt — Infizierte, Tote, Genesene — steht in keiner der gesendeten Depeschen. Die Lücke in der Statistik ist die größte offene Frage in dieser Geschichte. Wer eine Zahl nicht zu Ende spricht, hinterlässt ein Loch, in das jede Lesart passt.
„Es wird viele, viele Monate dauern", sagt le Polain, „bis der Ausbruch vollständig unter Kontrolle ist. Es wird erheblicher Unterstützung bedürfen." Welche Unterstützung das sein wird, wer sie finanziert, über welche Kanäle sie läuft — diese Fragen beantwortet die Pressekonferenz nicht. Sie bleiben offen, wie Kanäle, die noch nicht belegt sind.
Eine Epidemie, die offiziell „massiv" heißt, ist keine Erfolgsmeldung. Sie ist das Eingeständnis, dass das System zu langsam ist für das Virus. Die Pressekonferenz in Genf liefert beides: die Zahl 80 und das Wort „massiv". Beide können wahr sein. Aber sie reden nicht über dasselbe. Die sinkenden Tageszahlen messen einen Trend. Das Wörtchen „massiv" misst die Geografie der Hilfslücke.
Dazwischen liegt Butembo. Dazwischen liegen 62 betroffene Gesundheitszonen. Dazwischen liegt die offene Zahl, die niemand zu Ende sprechen will: 7 258 — und was folgt?
Ada Voss / Terminal Tribune Leitung Genf–Kinshasa–Butembo
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