Kabinett voll, Wasser leer – KARNATAKAS REGIERUNG IN DER KRISE
BANGALORE/MYSURU. Die Drähte aus dem Süden Indiens tragen dieser Tage ein eigentümliches Signal: ein Chief Minister, der sein Kabinett erweitert, während das Wasser knapp wird. Die Regierung von Karnataka unter D.K. Shivakumar steht vor einem Bündel sich überlagernder Krisen – und die Opposition wirft ihr vor, sich um die falschen Dinge zu kümmern.
Der Stein des Anstoßes ist alt und doch jedes Jahr neu: der Cauvery. Die Cauvery Water Management Authority (CWMA) hat Karnataka angewiesen, 3.500 Kubikfuß Wasser pro Sekunde für 15 Tage an Tamil Nadu abzugeben. Die Reaktion der Landesregierung: ein Allparteien-Treffen, das erst einberufen wurde, nachdem das Wasser bereits zwei Monate lang geflossen war. B.Y. Vijayendra, Präsident des BJP-Landesverbands, brachte es auf den Punkt: „Warum rufen Sie jetzt ein Allparteien-Treffen ein, nachdem Sie zwei Monate lang Wasser abgegeben haben? Welchen Zweck sollen die Vorschläge erfüllen?"
Die BJP kündigte an, das Treffen zu boykottieren, sofern die Regierung nicht vorher eine klare Position gegen die Wasserabgabe bezieht. Bei einer Protestaktion am 31. Juli am Krishnaraja-Sagar-Staudamm (KRS) in Mandya wurden dutzende BJP-Arbeiter festgenommen, darunter Vijayendra selbst und der Oppositionsführer im Landtag, R. Ashoka. Die Polizei hatte über 1.500 Beamte rund um den Staudamm und die Brindavan Gardens aufgeboten, der öffentliche Zugang wurde ausgesetzt.
Der ehemalige Chief Minister B.S. Yediyurappa forderte Shivakumar auf, notfalls zurückzutreten, statt auch nur einen Tropfen Wasser freizugeben. Sein Vorwurf wiegt schwer: Die Regierung habe den Obersten Gerichtshof nicht rechtzeitig angerufen, obwohl Shivakumar als ehemaliger stellvertretender Chief Minister und Wasserressortsminister die Komplexität des Streits kennen müsse. Stattdessen habe er wiederholt Neu-Delhi besucht, um die Kongressparteispitze zu treffen – für juristische Beratung im Cauvery-Konflikt sei keine Zeit geblieben.
Hier öffnet sich die erste Bruchstelle: „Der Chief Minister, der damit beschäftigt ist, das Kabinett zu erweitern, hatte keine Zeit, sich mit Rechtsexperten zum Cauvery-Thema zu treffen", so Vijayendra laut The Hindu vom 31. Juli 2026. Der Economic Times bestätigt, dass Karnataka rechtliche Beratung und Oppositionsgespräche anstrebt – doch zwischen Ankündigung und Ausführung klafft eine Lücke, die in Zeiten eines Dürremonsuns schnell zu einem politischen Graben werden kann.
Doch der Cauvery-Streit ist nur die sichtbare Krise. Im Hintergrund schwelt eine zweite: die Dürre. Die BJP hat in der Karnataka-Versammlung die Vorlage einer Liste der von schwerer Dürre betroffenen Taluks verlangt. Die Regierung hat nach eigenen Angaben weder die Lage überprüft noch eine solche Liste vorbereitet, obwohl der Monsun mit einem Defizit ausgefallen war. Die offene Frage steht im Raum: Wie viele Taluks sind betroffen, auf welcher Datengrundlage wird gehandelt?
Die Antwort, die das Kabinett darauf gibt, hat einen eigenen bitteren Beigeschmack: Der Kabinettsausschuss hat einen Vorschlag für Wolkenimpfung in den dürregeplagten Gebieten gebilligt. Ein technisches Eingreifen in den Himmel, weil auf dem Boden die Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Welche Regionen genau betroffen sind, darüber schweigt die Regierung bisher.
Parallel laufen Ermittlungen, die das politische Personal Karnatakas weiter unter Druck setzen. Das Central Bureau of Investigation (CBI) hat die Genehmigung zur Strafverfolgung gegen Minister B. Nagendra beantragt. Im Kontext der mutmaßlichen Valmiki Corporation-Affäre durchläuft eine Rücktrittsmeldung die politischen Mühlen – die Quellenlage ist nicht eindeutig. Während einige Berichte von einem neuerlichen Rücktritt Nagendras sprechen, warten andere Meldungen die Klärung ab. Die Widersprüche zwischen den Meldungen verweisen auf eine Regierungskommunikation, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet.
Am Rand der Wasserkrise, aber mit eigener Sprengkraft: Die Landesregierung hat zudem beschlossen, 1.000 Lehrkräfte an 32 staatlichen Universitäten einzustellen. Eine Zahl, die in normalen Zeiten eine bildungspolitische Randnotiz wäre. In der aktuellen Lage liest sie sich wie ein Nebenschauplatz.
Die BJP ihrerseits ist nicht frei von Widersprüchen. Sie fordert eine harte Linie gegen die Wasserabgabe und boykottiert das Allparteien-Treffen – doch ihre Kritik an der ausbleibenden Wasserkonservierung in den Monaten April und Mai trifft einen Punkt, den auch sie in vergangenen Amtszeiten nicht abgearbeitet hat.
Was bleibt, ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wie viel Wasser wird tatsächlich abgegeben – die BJP beziffert die bereits vor einer formellen Anfrage Tamil Nadus geflossene Menge auf rund 3,5 Tmc ft. Welche Taluks stehen vor der Dürre? Welche rechtlichen Gutachten hat die Regierung eingeholt, welche nicht? Die Empfehlungen der Rechtsberater sind bisher nicht öffentlich. Das genaue Niederschlagsdefizit des Monsuns bleibt im Dunkeln. Auf jede offene Frage antwortet die Landesregierung bisher mit Sitzungseinladungen, Kabinettserweiterungen und – wenn alles andere schweigt – mit dem Ruf nach dem Himmel.
Ada Voss hört die Frequenzen. In diesem Fall sind sie nicht zu hoch, sondern zu still. Die Drähte summen, aber sie tragen vor allem eine Botschaft: Wer das Wasser nicht sichert, sichert auch das Vertrauen nicht. Und wer das Vertrauen verliert, verliert mehr als einen Wahlkampf.
❖ Ende des Artikels ❖
