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Terminal Tribune

19. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

OPENAI KALKULIERT 280 MILLIARDEN VERBRENNUNG BIS 2030

19. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Neue Drähte summen. Diesmal aus San Francisco. Die Financial Times meldet am Freitag, was die Branche bisher nur hinter verschlossenen Türen flüsterte: OpenAI rechnet damit, bis Ende 2030 rund 280 Milliarden US-Dollar zu verbrennen. Eine einzelne Firma. Ein einzelner Zeitraum. Eine Zahl, die in jedem Wortsinn die Vorstellungskraft sprengt.

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Zur Einordnung, Ladies and Gentlemen: 280 Milliarden Dollar — das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt ganzer Volkswirtschaften. Wir reden hier nicht über ein Unternehmen, das wächst. Wir reden über ein Unternehmen, das eine industrielle Revolution im Zeitraffer finanziert — und zwar auf Pump.

Die Quelle ist dünn. Bisher ein einziger Bericht der Financial Times, aufgegriffen und weitergereicht von Reuters und anderen Drahtdiensten. Keine offiziellen Bilanzen, kein Börsenprospekt, keine eidesstattliche Erklärung. Was wir haben, ist eine Projektion des Unternehmens selbst — gestrickt aus den Annahmen interner Strategen, die das Wort „ambitioniert" neu definiert haben. Vorsicht ist die erste Bürgerpflicht jeder Berichterstatterin. Wenn ein Bergbauunternehmen verkündet, es werde in den nächsten fünf Jahren mehr Erz aus dem Boden holen als die Menschheit bisher besitzt, hebt der Analyst die Augenbraue. Hier hebt kaum jemand die Augenbraue. Warum? Weil die Zahl niemanden mehr erschreckt — sie ist nur noch ein Emoji für Größe.

Was verbrennt da eigentlich? Compute-Power. Server, Chips, Strom, Rechenzentren, Kühltürme, Transformatoren, Kupfer. Die physische Infrastruktur dessen, was uns als „künstliche Intelligenz" verkauft wird. OpenAI spricht selbst von Investitionen in „computing power and infrastructure" — jener nebulösen Wolke, die alles umfassen kann, vom Halbleiterwerk bis zum Kernkraftwerk, das eines Tages die Serverfarm versorgen soll. Hinter dem Marketing-Begriff verbirgt sich ein Materialismus, der an die Stahlbarone vergangener Jahrzehnte erinnert: Wer das Erz kontrolliert, kontrolliert das Produkt. Und wer das Produkt kontrolliert, kontrolliert am Ende die Sprache.

Dabei plant das Unternehmen, wie untergeordnete Meldungen zeigen, parallel Einnahmen von 280 Milliarden Dollar im selben Zeitraum zu generieren — eine Verdopplung des Einsatzes, als wäre das Spiel selbstverständlich. Die Differenz: ein Verlust von rund 100 Milliarden Dollar, das gestopft werden muss. Durch Investoren, durch Schulden, durch eine Bewertung, die bereits in Regionen vorgedrungen ist, die jeder klassische Finanzanalyst als Fieberwahn bezeichnen würde. Das Prinzip ist alt: Man verkauft die Zukunft, um die Gegenwart zu finanzieren. Die Frage ist nur, wem die Zukunft gehört, wenn die Rechnung nicht aufgeht.

Die Frage ist nicht primär, ob OpenAI klug investiert. Die Frage ist: in wessen Händen landet diese Maschinerie? Wer liefert die Chips — und damit meine ich nicht nur die klangvollen Namen, die in den Schlagzeilen stehen, sondern die Produktionsstätten, die Stromnetze, die Wasservorräte, die für die Kühlung der Rechenzentren verbraucht werden? Eine einzige Modellrechnung des Energiekonsums zeigt mir auf dem Papier, wohin die Reise geht: Eine Stadt mittlerer Größe, nur für die Algorithmen verdrahtet, Tag und Nacht unter Volllast. Multipliziert man das mit dem Branchenwachstum, landet man bei einem Industriekomplex, der die Maße der Schwerindustrie vergangener Epochen sprengt.

Wir haben diese Diskussion schon einmal geführt. Damals hieß sie Telegraph. Dann Radio. Dann Radar. Dann Atomkraft. Jede neue Technologie kommt als Wundermittel und endet als Infrastrukturfrage. Wer besitzt sie? Wer reguliert sie? Wer haftet, wenn sie versagt? Die Antworten darauf stehen nicht in den Hochglanzbroschüren der Investorenpräsentationen. Sie stehen in den Bilanzen, die wir noch nicht sehen, und in den Gesetzestexten, die noch nicht geschrieben sind.

Die ethische Frage, meine Damen und Herren, ist dabei keine Fußnote. Sie ist die Hauptbuchung. Wer definiert, was diese Systeme dürfen — und was nicht? Welche Aufsicht kontrolliert eine Industrie, deren Produkt schneller lernt, als jede Regulierung reagieren kann? Wenn ein Konzern mehr Kapital verbrennt als die meisten Staaten einnehmen, dann ist er nicht mehr Privatsache. Dann ist er ein Akteur auf der Weltbühne, ob ihm das gefällt oder nicht.

Die 280 Milliarden sind keine Tatsache. Sie sind ein Versprechen — oder eine Drohung, je nachdem, auf welcher Seite des Tisches man sitzt. Bis OpenAI seine Bücher öffnet, bis eine Bilanz den Nebel lichtet, bleibt diese Zahl ein Monument der Ankündigung. Ein Leuchtturm, gebaut aus Worten. Was wir mit Sicherheit wissen: Der Kapitalverbrauch dieser Branche ist kein Witz mehr. Er ist eine ökonomische Wetterlage, die wir alle bezahlen werden — als Stromrechnung, als Steuerkosten, oder als schleichender Verlust von Handlungsfreiheit gegenüber Konzernen, die größer werden als einzelne Staaten.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Draußen piept der Ticker. Die nächste Meldung ist bereits unterwegs.

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