58 Seiten über dein Leben – und wer sie kauft
Little Rock, Arkansas. Eine Firma namens Acxiom behauptet, Daten über Milliarden Menschen zu besitzen. Wo sie wohnen, was sie ausgeben, wofür sie sich medizinisch interessieren, ob sie konservativ oder liberal wählen, ob sie zu viel wiegen, wie viel Alkohol sie trinken. Die Akte einer einzigen Bürgerin aus Oregon umfasste 58 Seiten.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, der nach Lötzinn und kaltem Kaffee riecht, und übersetze Meldungen aus einer anderen Zeit. 1937 hörte ich Morsezeichen aus dem Äther. Heute höre ich Datenströme, und sie sagen mir dasselbe: Jemand beobachtet jemanden.
Der Vorgang muss vollständig verifiziert werden, jede Verbindung in dieser Kette muss minutiös geprüft werden, bevor das volle Bild steht. Was bislang vorliegt, stammt aus einer einzigen Quelle – einer Untersuchung von Consumer Reports, deren Datenanfragen auch CalMatters und The Markup einsehen konnten.
Tracey Reed, Mitarbeiterin einer gemeinnützigen Organisation in Oregon, stellte bei Acxiom eine Auskunftsanfrage nach den neuen Datenschutzgesetzen mehrerer US-Bundesstaaten. Zurück kam ein Dossier. 58 Seiten über ihr vermeintliches Einkommen, ihre Beschäftigung, ihre Bildung. Ihre Ausgaben, vom Online-Einkauf bis zur Spende an Hilfswerke. Sogar Breiten- und Längengrad ihrer Wohnadresse waren verzeichnet, samt Dutzender Firmen, an die Acxiom Daten oder abgeleitete Profile über sie weiterverkauft hatte. Reed sagt, vieles davon sei falsch gewesen. Das Entscheidende war nicht die Korrektheit. Das Entscheidende war, dass es überhaupt existierte.
„Ich finde es ziemlich widerlich, dass Menschen wie Rohstoffvorkommen behandelt werden, die man ausbeutet", sagte Reed. „Das sind diese Datenprofile – eine Anleitung, wie man dieser Person Geld aus der Tasche zieht."
Mehr als hundert solcher Dossiers hat Consumer Reports bisher eingesammelt, um zu prüfen, was die neuen staatlichen Datenschutzgesetze tatsächlich bewirken. Die Akten, die CalMatters und The Markup einsehen konnten, zeigen: Acxiom arbeitet mit über 3.000 verschiedenen Kategorien, in denen es Vorhersagen über das Leben von Menschen trifft. Das Alter und Geschlecht ihrer Kinder. Den geschätzten Alkoholkonsum. Die Wahrscheinlichkeit, auf einer Skala von 1 bis 100, dass sie demnächst einen Tesla Cybertruck kaufen werden.
Es sind nicht die großen Überwachungsbehörden, die dieses Profil erstellt haben. Es ist ein privates Unternehmen. Es ist ein Geschäftsmodell.
Die Käufer dieser Profile sind keine Unbekannten. Unter ihnen finden sich Disney und General Motors. Versicherer wie GEICO und State Farm. Banken wie Citi, JPMorgan Chase und US Bank. Pharmaunternehmen wie Janssen Pharmaceuticals. Firmen, mit denen die meisten Menschen ohnehin täglich zu tun haben – sei es beim Versichern ihres Wagens, beim Bezahlen ihrer Rechnungen oder beim Film am Samstagabend.
Das ist die Infrastruktur, die hier sichtbar wird. Kein einzelner Skandal, kein einmaliger Datenleak. Eine durchgehende Leitung, an der Gesundheit, Finanzen und Freizeit in eine Ware verwandelt werden, die gehandelt wird, ohne dass die Betroffenen jemals gefragt wurden.
Die neuen Gesetze, die Verbrauchern in einer Handvoll Bundesstaaten das Recht geben, bei Datenbrokern wie Acxiom Auskunft zu verlangen, haben diesen Einblick erst ermöglicht. Sie sind ein Anfang. Doch das Geschäft mit dem privatesten Ausschnitt des Lebens läuft weiter, während diese Zeilen gesetzt werden.
Ich bin Ada Voss. Ich übersetze, was auf den Drähten liegt. Und was heute auf den Drähten liegt, ist kein Rauschen. Es ist ein Katalog.
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