ESU-Mahnmal in Brooklyn: Vierzehn Namen, eine Waffe, offene Zahlen
Brooklyn, Feldweg nach Floyd Bennett. Die Drähte summen, und was auf ihnen läuft, ist eine sorgfältig inszenierte Stille. Hölzerne Wand, Fotografien, Namensschilder, eine Dienstwaffe aus dem Schutt des World Trade Center. Vierzehn Namen auf einer Tafel, fünfundvierzig auf einer anderen, dreiundzwanzig in einer Akte, zweiundvierzig auf einem Mahnstein in der Nachbarbehörde. Und dazwischen eine Lücke, die niemand beziffern will.
Die Polizei von New York hat am Dienstag vor dem fünfundzwanzigsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 eine Gedenkwand neu eingeweiht. Sie steht im Ausbildungszentrum der Emergency Service Unit in Brooklyn und ehrt nach offizieller Lesart 14 Beamte, die an jenem Morgen in die einstürzenden Zwillingstürme stürmten. Eine der Dienstwaffen der Gefallenen, geborgen aus dem Schutt von Ground Zero, ist Teil der Ausstellung — ein Exponat, das die Narbe des Tages in Glas und Holz konserviert.
Polizeichefin Jessica Tisch nannte die ESU-Beamten die „Spitze des Speers" der NYPD an jenem Tag. Sie seien hineingerannt, während andere hinausliefen. Assistant Chief Gerard Dowling, kommandierender Offizier der Einheit, sprach von einer Wand, die mehr sei als Holz, Bilder und Namensschilder — sie sei eine „permanente Erinnerung daran, dass die höchsten Traditionen in den Leben derer geschrieben stehen, die alles gaben". Unter den Geehrten: Police Officer John D'Allara, dessen Dienstwaffe aus dem Schutt geborgen wurde. Seine Witwe Carol sagte der Presse, die Zeremonie sei „wunderschön" gewesen, eine „ehrenvolle Hommage". So weit die offizielle Lesart.
Nun zur Mathematik, denn hier beginnt das Rauschen. Die Wand trägt nach Angaben der Behörde die Namen von 45 ESU-Beamten, die im Dienst getötet wurden — 14 davon am 11. September. Andere Quellen sprechen von 23 NYPD-Beamten, die an diesem Tag ums Leben kamen, die Mehrheit davon ESU. Wieder andere listen für eine benachbarte Behörde, das Department of Correction, 42 Namen von Beamten auf, die an den Folgen 9/11-bezogener Erkrankungen verstarben — darunter drei neue Namen, die am Freitag zuvor in den Mahnstein auf Rikers Island eingraviert wurden: Captain Jacqueline Payden, Captain Raul Gonzalez, Captain Thomas Weadock. Bürgermeister Zohran Mamdani sprach von der „giftigen Luft", die Tag für Tag, Woche für Woche eingeatmet wurde. Er verließ die Zeremonie vorzeitig, angeblich wegen einer Sicherheitsbesprechung — was Angehörige erzürnte, weil das Department of Correction ohnehin bei den großen Gedenkfeiern übergangen werde.
Was ich auf den Frequenzen höre, ist ein Zahlengemisch: 14, 23, 42, 45. Niemand addiert sie zuverlässig zusammen. Niemand erklärt verbindlich, warum manche Namen auf welcher Wand stehen und manche nicht. Die offizielle Zahl der unmittelbar Getöteten ist nie abschließend bestätigt worden; die Zahl der in den Folgejahren an Erkrankungen Verstorbenen übersteigt in einigen Behörden bereits die Zahl der direkten Opfer. Das ist keine Mutmaßung, das ist die Diskrepanz zwischen den Quellen.
Am Samstag dann ein weiterer Akt des Gedenkens: die Umbenennung einer Straße an der Upper East Side für Police Officer John Perry, der am 11. September starb, nachdem er von der NYPD-Zentrale zum World Trade Center gelaufen war. Er war nicht im Dienst, er saß an seinem Schreibtisch, um Papiere zu unterschreiben — er wollte die Polizei verlassen und als Anwalt arbeiten. Sein Bruder Joel erzählte, auf einer Liste in Tinte seien 22 Namen gestanden, in Bleistift Nummer 23 — sein Bruder. „So hielten wir uns an die Hoffnung", sagte er. „Aber als die Tage vergingen, wussten wir, er war fort." Perry war posthum mit der Medal of Honor der NYPD ausgezeichnet worden.
Eine Waffe aus dem Schutt als Exponat. Eine Straße mit dem Namen eines Toten. Eine Wand aus Holz, Fotografien und Sternenbanner-Falten für die Familien. Die Inszenierung des Gedenkens ist präzise choreografiert — jeder Kamerablick, jede Polizeieskorte, jedes gefaltete Tuch. Die Technik, mit der dieses Trauma heute verbreitet wird, ist nicht mehr der Kupferdraht meiner Anfangsjahre. Es ist die endlose Übertragung: Fotos, Videos, Zitate, Zahlen, die im Sekundentakt reproduziert werden, bis die Erinnerung einheitlich glänzt.
Die Frage, die ich seit Jahren an den Drähten stelle, ist immer dieselbe: Wer kontrolliert die Geschichte? Wer wählt die 14 aus, wer die 45, wer die 42? Wer bezahlt den Preis der unsichtbaren Opfer — jener Beamten, die heute an Krebs und Atemwegserkrankungen leiden und deren Namen auf keiner Wand stehen, bis die Behörde sie nachreicht? Die Antwort liegt nicht in den Reden der Kommandeure. Sie liegt in den Lücken zwischen den Zahlen, die niemand zusammenzählen will.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Meldungen laufen weiter. Ich übersetze.
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