Angeln verboten: Kohbergers Recht auf Wahrheit
Moskau, Idaho — auf den Drähten aus dem Latah County. Zwei Sender auf derselben Welle, die einander nicht hören. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer Fishing Expedition. Die Familie spricht von Wahrheit. Beide reden über dasselbe Verfahren — und meinen etwas völlig Verschiedenes.
Deputy Latah County Prosecuting Attorney Keith Scholl hat diese Woche klargestellt, wie er die Anfrage des neuen Verteidigerteams von Bryan Kohberger liest. Scholl schrieb in seiner Erwiderung, der verurteilte Mörder wolle mit dem Antrag auf erweiterte Akteneinsicht lediglich Zeit kaufen, um bessere Argumente für seinen Versuch zu finden, das Geständnis zurückzuziehen. "Unfortunately for [Kohberger], that is not how discovery in post-conviction proceedings works", heißt es in dem Schreiben.
Auf der anderen Seite des Saals steht Randolph Rice, ein Anwalt aus Maryland, der den Fall verfolgt. "Post-conviction discovery is supposed to assist you and your lawyers in proving a legitimate constitutional claim, in this case, ineffective assistance of counsel", sagt er. "It isn't supposed to be a fishing expedition to help you invent a new one. You don't get to throw a fishing net into the discovery ocean and hope you pull up a constitutional violation."
Zwei Positionen. Eine Akte. Keine Brücke.
Was bisher geschah: Kohberger hatte am 2. Juli 2025 vor dem Ada County Courthouse in Boise vier Mal auf first-degree murder guilty gepleaded — im Tausch gegen den Verzicht der Staatsanwaltschaft auf die Todesstrafe. Richter Steven Hippler verhängte am 23. Juli 2025 vier aufeinanderfolgende lebenslange Haftstrafen. Im November 2022 hatte der damalige Doktorand der Kriminologie vier Studenten der University of Idaho in einem Haus außerhalb des Campus in Moscow erstochen: Madison Mogen, Kaylee Goncalves, Xana Kernodle, Ethan Chapin.
Jetzt, dreizehn Monate später, behauptet der 31-Jährige, damals sei er überredet worden zu einem falschen Geständnis. "My actual innocence is my truth, and the plea, hinged on by false promises and blatant disinformation, MUST be withdrawn", sagte er der New York Times. Die Todesstrafe war vom Tisch. Der Preis bleibt.
Seine Familie hat sich in dieser Woche an die Öffentlichkeit gewandt. Sie stützt den Versuch des Sohnes, die Verurteilung zu kippen. Man habe sich entschieden, den Schritt nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Opferfamilien zu unternehmen, schreiben sie — "Rather, it comes from our family's need to see that the complete and unvarnished truth is told." Sie wollen Antworten auf alle offenen Fragen, "which can only be addressed through a proper trial, as opposed to an improper plea."
Ein ordentlicher Prozess also. Kein Handel im Hinterzimmer.
Die Staatsanwaltschaft will das Gegenteil. Sie hat einen Antrag auf sofortige dismissal gestellt — Kohbergers handschriftliche Petition solle vom Tisch. Dass dieser Antrag Erfolg hat, gilt unter Beobachtern als unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass sein neues Anwaltsteam den Antrag durch eine amended petition ersetzt. Richter Hippler hat dem Team bis zum 13. November Zeit gegeben — auf den Tag genau vier Jahre nach den Morden in Moscow.
Hier beginnt die Schieflage. Die Verteidigung argumentiert: Wenn sie bis zu diesem Datum die überarbeitete Petition einreichen muss, ohne vorher die Beweismittel gesichtet zu haben, dann verwirkt Kohberger unwiderruflich jeden Anspruch, der nicht im Antrag steht. Sie wollen die discovery-Materialien sehen, bevor sie formulieren. Die Staatsanwaltschaft sagt: fishing expedition. Wer angelt, hat noch keinen Haken.
Ein weiterer Faden im Knäuel: Kohbergers Antrag, Richter Hippler wegen befangener Äußerungen im Strafmaßtermin abzulehnen. Hippler hatte damals gesagt, Kohbergers Verhalten habe "anything good or intrinsically human" an ihm ausgelöscht — "the worst of the worst". Außerdem verlangt die Verteidigung die Rückverlegung des Verfahrens nach Latah County, dorthin, wo die Morde geschahen.
Die Anhörung zu Richter und Verhandlungsort ist für den 15. Oktober angesetzt. Die Hauptverhandlung zum post-conviction relief steht am 17. Juni 2027 — doch die Staatsanwaltschaft arbeitet an einer schnellen dismissal, die diesen Termin möglicherweise gegenstandslos macht.
Die harten juristischen Argumente sind dünn gesät. Es geht um Fristen. Es geht um die Reichweite der discovery in Post-Conviction-Verfahren. Es geht um die Frage, ob das System einem Menschen, der sein Geständnis zurückziehen will, überhaupt eine faire Chance auf Widerruf gibt. Die Staatsanwaltschaft sagt: Ihr bekommt die Akten, wenn ihr sagt, was ihr sucht. Die Verteidigung sagt: Wir wissen erst, was wir suchen, wenn wir die Akten sehen. Ein Kreis. Die Staatsanwaltschaft will den Kreis schließen. Die Familie will ihn offen halten.
In meinem Büro riecht es nach Lötzinn. Der Kaffee ist kalt. Auf dem Tisch liegen zwei Aussagen — die eine sagt Angeln, die andere sagt Wahrheit. Beide schreiben sich auf dieselbe Sache.
Mein Empfänger rauscht. Die Drähte summen. Ich übersetze.
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