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21. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Die erfundene 143-Prozent-Steigerung

21. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

London, Funkhaus. Ich höre die Zahl seit Tagen auf derselben Welle: „Die im Ausland geborene Bevölkerung Großbritanniens ist innerhalb eines Jahrzehnts um 143 Prozent gestiegen." Behauptet. Wiederholt. Geschluckt.

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Ich habe die Drähte geprüft. Die Zahl existiert in keinem amtlichen Dokument des britischen Office for National Statistics, sie taucht in keinem Bericht der Vereinten Nationen auf, und der World Population Prospects 2024 nennt sie ebenfalls nicht. Drei unabhängige Quellen, eine Leerstelle. Das ist keine Statistik — das ist ein Echo ohne Ursprung.

Was die Daten stattdessen zeigen: Das Vereinigte Königreich zählt laut Worldometer-Stand 2026 rund 0,84 Prozent der Weltbevölkerung, Platz 22 in der globalen Rangliste der Länder und abhängigen Gebiete. Die mittlere Fruchtbarkeitsvariante der UN-Revision 2024 bildet dabei die Grundlage. London bleibt das Einfallstor — mit einem Anteil der aus dem Ausland stammenden Bevölkerung von etwa 37 Prozent. Mehr als ein Drittel der Hauptstadtbevölkerung wurde nicht im Vereinigten Königreich geboren. Das sind Zahlen, die sich messen lassen.

Die Zahl 143 jedoch lässt sich nicht messen. Wer sie in Umlauf brachte, schweigt sich über die Methodik aus. Prozentwerte dieser Größenordnung über einen Zehnjahreszeitraum entstehen nicht zufällig. Sie werden gebaut — aus selektiven Ausgangsjahren, geänderten Definitionskategorien oder einem Wegschneiden der Vergleichsbasis.

Drei mögliche Wege zur Zahl 143:

Erstens: Die Ausgangsbasis. Wer ein tiefes Vergleichsjahr wählt — etwa 2004 oder 2005 — und einen Endpunkt 2014 oder 2015 setzt, kann durch eine ungünstige Schnittmenge von Definitionen fast jeden Wert erzeugen. Das Vereinigte Königreich hat seine Erhebungsmethodik zur „im Ausland geborenen Bevölkerung" mehrfach angepasst — jede Anpassung verschiebt die Zählung.

Zweitens: Die Definition. „Im Ausland geboren" schließt britische Staatsbürger ein, die im Ausland zur Welt kamen und zurückkehrten. Ebenso EU-Bürger vor und nach dem Brexit. Wer diese Gruppen herausrechnet oder hinzuzählt, kann den Korridor in beide Richtungen biegen.

Drittens: Die Vergleichsbasis. Wer von einem absoluten Tiefstwert aus rechnet — etwa nach einer Rezession mit Rückkehrwelle —, kann durch nachfolgende Normalisierung prozentual enorme Sprünge erzeugen, ohne dass sich die absolute Zahl dramatisch bewegt hätte.

Die belegbare Datenlage: Die UN-Bevölkerungsprognose 2024 und das ONS dokumentieren eine gemischte, aber messbare Veränderung. London bleibt mit etwa 37 Prozent aus dem Ausland stammender Bevölkerung der Spitzenwert. Die Gesamtzahl der im Vereinigten Königreich lebenden Ausländergebürtigen ist in den vergangenen Jahren gestiegen — aber in einem Korridor, der sich an den internationalen Wanderungsstatistiken orientiert, nicht an einer 143-Prozent-Spirale.

Die Mechanik solcher Zahlendreher ist alt. Sie funktioniert in beide Richtungen — gegen Einwanderung wie gegen Auswanderung, je nachdem, welche Stimmung die Plattform bedienen will. Die Währung ist nicht Information. Die Währung ist Empörung.

Mein Kollege vom Telegraphendienst pflegte zu sagen: Eine Zahl, die niemand zurückverfolgen kann, ist keine Zahl. Sie ist ein Gerücht mit Prozentzeichen.

Die echten Daten liegen vor. Sie stehen im World Population Prospects 2024, in den Tabellen des ONS, in den jährlichen Wanderungsberichten der britischen Regierung. Wer sie nutzen will, muss nur das Quellenverzeichnis öffnen — und die Disziplin aufbringen, eine Behauptung erst dann zu wiederholen, wenn er sie belegen kann.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen weiter. Die 143 aber bleibt stumm.

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Herangezogene Quellen — 1 abrufbare Quelle

1 Quelle · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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