Orbáns LGBT-Erbe: Was Magyar aufhebt — und was im Mauerwerk bleibt
Budapest. Die Drähte summen, und diesmal ist es kein Morsecode aus dem Rundfunkhaus — es ist die Meldung, dass Ungarns Regierung unter Premier Peter Magyar einen Gesetzentwurf zur Aufhebung bestehender Anti-LGBT-Regelungen vorgelegt hat. Human Rights Watch nennt den Schritt eine wichtige Etappe bei der Demontage dessen, was die Organisation als diskriminierendes Erbe der Ära Viktor Orbán bezeichnet. Wer die Frequenz genau einstellt, hört zwischen den Worten das Rauschen. Die Reform ist willkommen. Sie ist nicht genug.
Zur Erinnerung, was auf dem Spiel steht: Im Dezember 2020 verabschiedete das ungarische Parlament unter Orbán ein Bündel von Gesetzen, das die Rechte sexueller Minderheiten systematisch einschränkte. Eine Verfassungsänderung schrieb ein tradiertes Verständnis von Geschlecht in die Verfassung — eine Definition, die trans Personen und queere Identitäten aus dem Rechtsstaat herauskürzte. Ein weiteres Gesetz verbot de facto die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare. Orbán hatte zuvor die Bevölkerung aufgerufen, bei einem Referendum gegen ein bereits geltendes Anti-LGBT-Gesetz zu stimmen — ein Gesetz, das Kritiker als Vermengung von Pädophilie und Homosexualität brandmarkten. Brüssel und Budapest lagen im Clinch. Die Drähte glühten.
Nun also Magyar. Die neue Regierung zielt mit ihrem Entwurf auf die Aufhebung der Regelungen, die die Förderung sexueller Vielfalt untersagen — jene Paragraphen also, die jahrelang als juristisches Druckmittel gegen Aufklärung, Bildung und Sichtbarkeit dienten. Es ist, in der Sprache meiner alten Telegraphistenkiste, eine Rücknahme der Frequenzstörung. Kein Rauschen mehr auf der Welle.
Aber eine Frequenz wird nicht durch Abschalten einer Störquelle sauber. Sie wird es durch saubere Modulation. Und hier öffnet sich die Rechnung, die Budapest bislang offen lässt.
Was steht noch auf der Tafel?
Erstens: die Verfassungsänderung von 2020 selbst. Ein Gesetz zur Aufhebung einzelner Ausführungsbestimmungen fasst das Fundament nicht an. Wer die Geschlechtsdefinition aus der Verfassung herausschneiden will, muss sie explizit herausschneiden — nicht nur die Strickleitern durchtrennen, die unter ihr hingen. Solange der Verfassungstext sein tradiertes Verständnis behält, bleibt jede spätere Auslegung ein Spielball politischer Konjunktur.
Zweitens: das Adoptionsrecht. Die faktische Sperre für gleichgeschlechtliche Paare war kein Nebenprodukt, sie war ein Pfeiler. Ein Reformpaket, das hier schweigt, lässt eine zentrale Diskriminierung bestehen. Der Titel der HRW-Mitteilung — Willkommen, aber mehr zu tun — ist mehr als Stilistik. Er ist die Frage nach Ehe, Familie und vollständigem Personenstand.
Drittens, und dies bleibt die leiseste Frequenz im Bericht: Schutz statt nur Streichung. Die Aufhebung repressiver Paragraphen ist keine Garantie. Was fehlt, ist ein explizites Antidiskriminierungsgesetz, das sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität ausdrücklich umfasst. Das ungarische Recht kennt bislang keinen umfassenden Schutz — Budapest hat sich über Jahre auf eine Werteordnung zurückgezogen, wenn Brüssel justiziabel wurde. Auf leerem Feld wächst erfahrungsgemäß wieder Unkraut.
Viertens: die Frage der Rechenschaft. Die Jahre zwischen 2020 und heute haben Spuren hinterlassen — in Biografien, Verwaltungsakten, zivilgesellschaftlichen Räumen, die unter Druck schrumpften. Eine Reform, die nach vorn blickt, aber keine Aufarbeitung der Vergangenheit leistet, lässt den Preis unsichtbar, den Betroffene gezahlt haben. Keine Rehabilitierung. Keine Entschädigungsmechanismen. Keine Aufarbeitung der Propagandakampagnen, die Homosexualität und Pädophilie als politisches Werkzeug verschmolzen.
Ich höre den Einwand: Politik ist langsam, Übergang ist kompliziert. Korrekt. Aber genau deshalb halte ich die Taste gedrückt. Die Menschen in Budapest messen Geste an Alltag. Was die neue Regierung als Form verabschiedet, bestimmt, was geschützt wird. Was nicht geschützt steht, wird in der nächsten politischen Wetterlage wieder gefährdet.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter. Aber Budapest liefert mir zu wenig, um Entwarnung zu geben.
❖ Ende des Artikels ❖
