Hundert Mietbäuche und eine Geschichte: Wer trägt hier wen?
Die Drähte summen. Aus dem Westen kommen zwei Erzählungen, die nicht zusammenpassen wollen — und in der Mitte bleibt eine Frau, die wir nicht kennen.
Lena Dunham hat im September 2026 ihr erstes Kind via Leihmutterschaft begrüßt. Eine Geschichte, sorgsam aufgebaut: Endometriose, Hysterektomie, ein Jahrzehnt, in dem sie keinen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hat. Am Ende ein Kind, das sie tragen ließ, weil ihr eigener Körper nicht mehr konnte. Daneben, fast beiläufig platziert in der Berichterstattung: Millie Bobby Brown und Jake Bongiovi. Zwei Kinder. Eines adoptiert, eines ausgetragen. Auch hier das warme Licht der Wahl, der Wunsch nach Familie.
Beide Erzählungen sprechen von Elternschaft. Beide nutzen dasselbe Wort: Leihmutterschaft.
Dann die andere Tonlage. Xu Bo, Gründer der chinesischen Spiele-Firma Duoyi Network. Über hundert Kinder, in Reihen aufgestellt für ein Foto in den sozialen Medien seiner Heimat. Amerikanische Geburten. Amerikanische Pässe. Eine Frau, die sich nur „Judy" nennt, trägt sein nächstes Kind aus. Sie erfährt es aus dem Fernsehen, als eine CBS-Reporterin ihr das Foto zeigt.
„Ich fühle mich überrumpelt. Ich fühle mich getäuscht", sagt Judy. Einhundertzwanzigtausend Dollar wurden ihr versprochen. Auf die Frage, wie viele Leihmütter der Vater beschäftige, habe die Agentur Patriot Conceptions geantwortet: knapp zwei Dutzend. Xu selbst spricht von zwölf Kindern. Ein ehemaliger Partner behauptet in einem Sorgerechtsstreit, es könnten dreihundert sein. Duoyi räumte nach einer Wall-Street-Journal-Recherche im Dezember 2025 ein: „nur etwas mehr als hundert."
Zwölf. Hundert. Dreihundert. Die Zahlen sind nicht nur verschieden — sie sind unvereinbar. Welche stimmt? Wir wissen es nicht. Wir werden es möglicherweise nie erfahren, denn die Verträge enthalten Vertraulichkeitsklauseln. Die Agentur sitzt in Kalifornien, wo — so die Senatoren Tom Cotton und Rick Scott in einem Schreiben an Attorney General Pam Bondi im Februar — mindestens 107 chinesisch geführte Leihmutterschafts-Agenturen operieren.
Was fühlt eine Frau, die neun Monate lang einen Bauch trägt und nicht weiß, für wen? Was fühlt sie, wenn sie es erfährt?
McKenna West ist achtundzwanzig, Krankenschwester aus Alaska. Sie trägt für ein kalifornisches Paar aus — Nasheen Gilkar und Omar Ahmed. Sechzigtausend Dollar. In der zwanzigsten Woche wird Hypoplastic Left Heart Syndrome diagnostiziert, ein Herzfehler, der ohne sofortige Operation das Neugeborene tötet. Die Bestell-Eltern fordern den Abbruch. West weigert sich. Sie fliegt nach Texas, in einen Bundesstaat mit restriktivem Abtreibungsrecht — nicht um zu abortieren, sagt sie, sondern um die spezialisierte medizinische Versorgung des Kindes sicherzustellen.
Der Junge wird am 12. August geboren. West nennt ihn Gabriel. Die Bestell-Eltern nennen ihn Rumi. Er liegt in einer Klinik in Dallas. Die kalifornischen Gerichte haben Gilkar und Ahmed als rechtliche Eltern anerkannt — eine Entscheidung, die ein texanischer Richter bestätigte. West kämpft bis vor den Obersten Gerichtshof. Ihre Anwälte schreiben: „Die zukünftige Versorgung von Baby G. ist ungewiss und unbekannt."
Die Bestell-Eltern berufen sich auf den Vertrag. Eine Klausel erlaubt den Abbruch. West beruft sich auf das Kind. Die Klinik sagt: ohne OP überlebt es die erste Woche nicht.
Hier treffen sich die Erzählungen, die ich anfangs auseinandergezogen habe. Dunham, deren Geschichte von Verlust und Würde erzählt. Xu Bo, dessen Geschichte in Bilanzposten erzählt wird. Beide nutzen den gleichen Körper einer anderen Frau. Beide kaufen dasselbe Produkt: ein Kind mit amerikanischem Pass, mit Staatsbürgerschaft, mit Zukunft.
Wer kontrolliert was hier? Wer profitiert? Wer zahlt den Preis? Die Leihmutter. Immer die Leihmutter.
Das Geschäft läuft über Vertrauen und Schweigen. Patriot Conceptions hat Judy nicht gesagt, für wen sie trägt. Das kalifornische Paar hat West einen Vertrag gegeben, in dem eine Abbruch-Klausel steht — über ein Herz, das nach zwanzig Wochen plötzlich nicht mehr richtig baut. Die Senatoren in Washington reden von 107 Agenturen allein in Kalifornien. Niemand redet von den Frauen, die diese Industrie tragen.
Millie Bobby Brown hat adoptiert. Sie hat eine andere Wahl getroffen — eine, die ohne Gebärmutter funktioniert. Dunham hat einen Körper gehabt, der nicht mehr konnte. Xu Bo hat viele Körper. West hat einen, den sie jetzt vor Gericht verteidigt.
Was bleibt, ist die offene Frage: Was fühlt die Frau, die vermietet wurde? Judy hat es ins Mikrofon gesagt. West hat es vor den Supreme Court getragen. Die anderen — die in den Reihen auf dem Foto sitzen — haben keine Stimme. Sie sind das Produkt, das auf einem Bilanzbogen als „mehr als hundert" steht.
Ich übersetze, was die Drähte sagen. Manchmal höre ich nur Schweigen.
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