Zwei Millionen ohne Adresse: Krafts Spende und die digitale Leerstelle
Ich höre Frequenzen, die andere überhören. Diese hier summt seit Tagen: Zwei Millionen Dollar, versprochen für Palästinenser, ohne einen einzigen Empfängernamen. Das ist kein Versprecher. Das ist ein Signal.
Robert Kraft, Eigentümer der New England Patriots, erklärte vor wenigen Tagen, er habe „jahrzehntelang" Palästinenser unterstützt — Bemühungen, „Unternehmen aufzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen, Beziehungen zu knüpfen". Die Erklärung kam, nachdem er Popsänger Ed Sheeran unter Druck gesetzt hatte, den Rapper Macklemore wegen dessen „Free Palestine"-Äußerungen von dessen Tournee zu werfen. Das ist die eine Seite der Frequenz. Die andere liegt in den Steuerformularen.
The Intercept hat seit 2006 die Erklärungen der Kraft Family Foundation ausgewertet. Das Ergebnis, schwarz auf weiß: 196.000 Dollar an Friends of the Israel Defense Forces, eine Organisation, die Geld für israelische Soldaten sammelt. Weitere 123.000 Dollar gingen an Brothers for Life und Friends of Israel Disabled Veterans — Gruppen, die unmittelbar israelischen Militärangehörigen zugutekommen. In sieben Einzelspenden an Friends of the IDF hat Kraft das Geld ausdrücklich zur „Förderung der Bildung junger jüdischer Soldaten" zweckgebunden.
Man muss das übersetzen wie eine Morsenachricht: Wer „Palästinenser unterstützen" sagt und gleichzeitig Soldaten einer Armee finanziert, die in Gaza andauernde militärische Operationen durchführt, sendet zwei verschiedene Töne auf derselben Frequenz. Die Technik des modernen Spendens erlaubt beides. Die digitalen Spendenportale, die Stiftungsregister, die Zweckbindungen — sie sind so konstruiert, dass jede Transaktion für sich genommen harmlos klingt. Erst die Summe, erst die Zeit, erst die Querverbindung ergibt das Muster.
Seit 2020 hat Friends of the IDF laut einer früheren Intercept-Recherche mehr als zwanzig Millionen Dollar in sein Programm für sogenannte „lone soldiers" gepumpt — junge jüdische Amerikaner und Israelis, die ohne familiäre Unterstützung im Reservedienst der israelischen Armee stehen. Das Programm läuft durch den gesamten Zeitraum der dokumentierten Gewalt in Gaza. 2017 organisierte Kraft eine Reise für ehemalige NFL-Spieler zu einer israelischen Luftwaffenbasis — organisiert von Friends of the IDF.
Das ist die alte Geschichte der Großzügigkeit, neu verpackt in Stiftungsformulare. Was fehlt, ist die digitale Schnittstelle: Kraft hat nicht offengelegt, wer seine zwei Millionen Dollar eigentlich erhalten soll. Eine Zusage ohne Empfänger ist im Funkverkehr wie ein Ruf ohne Antwort. Man weiß nicht, ob jemand zuhört, oder ob das Signal absichtlich ins Leere läuft.
2019 hat Kraft zwanzig Millionen Dollar in die Gründung der Foundation to Combat Antisemitism gesteckt, heute Blue Square Alliance Against Hate. Bei der Gründung verpflichtete sich die Stiftung, die palästinensisch geführte Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung zu bekämpfen. Kraft erklärte damals, die palästinensische Rechtebewegung und „andere Bemühungen, den Staat Israel zu delegitimieren und zu untergraben, sind die beunruhigendsten Zeiten für das Land, das ich so liebe". Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erwiderte die Zuneigung.
Es gibt eine dritte Leitung. Kraft hat über Jahre an die United Democracy Project gespendet, den Super-PAC des American Israel Public Affairs Committee, der die amerikanische Politik zugunsten Israels zu beeinflussen sucht. Hinzu kommen Spenden an eine Reihe pro-israelischer Lobbygruppen, die Kritiker Israels angreifen, Inhalte verbreiten, die Beobachter als islamophob einordnen, und Israel gegen die wachsende Dokumentation einer andauernden Gewalt gegen Palästinenser in Gaza verteidigen.
Wer hier zuhört, hört einen Widerspruch. Der Widerspruch ist nicht in erster Linie politisch. Er ist technisch. Digitale Spendenkanäle, Stiftungsregister und Super-PAC-Strukturen erlauben es einem einzigen Geber, öffentlich Empathie für eine Bevölkerungsgruppe zu beanspruchen und gleichzeitig — über getrennte juristische Personen, getrennte Buchungskonten, getrennte Zweckbindungen — Mittel an die militärische und politische Infrastruktur der Gegenseite zu leiten. Keine einzelne Überweisung lügt. Die Architektur lügt.
The Intercept legt die Belege vor: Steuerformulare, öffentliche Bekanntmachungen, Reiseberichte. Die primäre Quelle ist eine einzige — und sie ist belastbar, weil sie auf Primärdokumenten beruht, nicht auf Pressemitteilungen. Quds News Network und die Plattform israelpalestinenews.org haben die Intercept-Befunde unabhängig aufgegriffen und in ihre Berichterstattung eingeordnet. Wer die Steuererklärungen einsehen will, kann das tun. Die Formulare lügen nicht. Sie zeigen, wohin das Geld geht.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen. Und Krafts zwei Millionen Dollar stehen in der Luft — eine Frequenz, auf die niemand antwortet, weil der Sender den Empfänger nicht nennt.
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