Ervadis stille Tote und das Schweigen der Behörden
Ramanathapuram, Indien. Zwei Leichen, ein Karuvelam-Wäldchen, eine Geschichte, die sich von selbst schreibt. Ganesan alias Riyas, 55, und Gopi, 40, wohnten in derselben Gasse in Thiruvalluvar Nagar, Chinnamayakulam, nahe Ervadi. Tagelöhner, Nachbarn. Anwohner fanden sie am Dienstagmorgen — tot, Blut an Augen, Ohren und Nase. Nur Abschürfungen am Körper, keine Schnittverletzungen. Vier Sonderkommissionen hat die Polizei danach aufgestellt. Vier Teams, um zwei Namen zu identifizieren und die Akte zu schließen.
Superintendent G. Chandeesh war selbst vor Ort. Er liefert den Sprechzettel: Die Männer hätten den Tag über Alkohol konsumiert, was danach geschah, sei unklar. Die Todesursache werde die Obduktion zeigen. Flaschen lagen herum, Wasserflaschen ebenfalls. Vier Teams gebildet, Schweigen hergestellt. So weit die offizielle Lesart.
Was nicht im Sprechzettel steht: An beiden Fundorten wurde Kratom sichergestellt. Die Behörden prüfen einen Zusammenhang zwischen dem Pflanzenstoff und dem Tod der beiden Männer. Kratom ist bequem. Es trägt die Schuld, weil es die Schuld tragen kann. Welche Dosis, welche Einnahmeform, welche toxikologische Bestätigung — all das sollen die Sonderkommissionen beantworten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Welche unabhängige Stelle überprüft die Befunde?
Die Karuvelam-Bäume, unter denen Ganesan und Gopi lagen, sind in der Region Ramanathapuram bekannt. Der Baum wird dort regelmäßig mit Pestiziden behandelt. In der Nähe befinden sich keine unabhängigen Forensiklabore, die Proben sichern könnten, ohne dass die Polizei die Kette in der Hand hält. Die Obduktion erfolgt im Ramanathapuram Government Medical College Hospital — unter der Ägide jener Behörde, die auch ermittelt. Wer kontrolliert die Kette zwischen Leichnam und Labor? Wer garantiert, dass kein Glied herausgezogen wird, bevor der Befund die Akte füllt?
Während die Obdukteure in Südindien schneiden, sterben anderswo Menschen unter vergleichbaren Umständen. Zwei Studierende der University of Mississippi wurden ebenfalls tot aufgefunden. Kratom an beiden Fundorten, so der vorläufige Befund. Die Behörden kennen das Wort bereits. Sie greifen danach wie nach einem fertigen Schluss, bevor das Labor den Befund geschrieben hat.
In London erhebt die Familie eines Verstorbenen schwere Vorwürfe gegen die Metropolitan Police. Der Mann, ein HSBC-Banker, 44, ehemaliger Armee-Offizier mit Verbindungen in höchste Kreise, stand unter Verdacht, eine Joggerin vor einen Bus gestoßen zu haben — der sogenannte Putney Pusher. Er nahm sich das Leben, nachdem die Ermittlungen über Monate Druck aufgebaut hatten. Die Familie spricht von nachlässiger Behandlung des Verfahrens und dem Versuch der Polizei, die Geschichte umzuschreiben. Die Beamten hätten gewusst, dass er unschuldig gewesen sei. Die Familie kämpft nun gegen einen Aktenschluss, der den Toten zum Täter machen würde.
Die Familie von Nolan Wells erhebt einen analogen Vorwurf gegen die zuständigen Stellen. Sie wirft den Beamten vor, den Fall abschließen zu wollen, bevor er aufgeklärt ist. Zwei Kontinente, zwei Familien, zwei Anklagen — und dasselbe Wort steht im Raum: Verschleierung durch vorzeitige Aktenführung.
Vier Sonderkommissionen in Ervadi. Vier Teams, deren Befugnisse nicht offengelegt sind, deren Labore unter polizeilicher Aufsicht arbeiten, deren Berichte die Familien erst erhalten, wenn die Tinte trocken ist. Sonderkommissionen sollen Schlusssätze liefern, keine Antworten. Sie sollen die Akte schließen, nicht öffnen.
Die Familien von Ganesan und Gopi werden warten. Sie werden warten, weil das Warten die billigste Form der Aufklärung ist, die eine Behörde liefern kann. In London wird die Familie des Putney-Pusher-Verdächtigen warten. In Mississippi werden zwei Familien warten. Warten ist die Frequenz, die niemand hört, bis sie zu laut wird.
Kratzend fährt die Feder über das Papier. Die Frequenz im Loft ist sauber. Die Geschichte hinter dem Sprechzettel ist es nicht.
❖ Ende des Artikels ❖
