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24. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

WERBE-IDS ALS SPIONAGEWERKZEUG – BEHÖRDEN WERDEN ZUM ZIEL

24. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ich übersetze.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Wer eine Werbe-ID auf seinem Telefon trägt, hinterlässt Spuren. Altbekannt. Neu ist die Konsequenz: dieselben Datenströme, die Marketingabteilungen zur Personalisierung von Anzeigen nutzen, taugen als Aufklärungswerkzeug. Werbedaten werden zur Waffe gegen jene, die uns schützen sollen.

Das Verfahren hat einen Namen: ADINT, abgeleitet von SIGINT, nur dass die Quelle kein Funkspruch ist, sondern eine Kennnummer, die jeder moderne Werbe-SDK auf jedem Telefon mit sich führt.

Ein aktueller Bericht des Onlinemagazins netzpolitik.org schildert das Ausmaß. Überwachungsfirmen und Behörden nutzten die Tatsache, „dass die Online-Werbeindustrie in den vergangenen Jahrzehnten den wohl größten Überwachungsapparat der Menschheitsgeschichte aufgebaut hat". Die Daten fließen nicht über einen Kanal, sondern über abertausend Apps hinweg, die ihre Zielgruppen auf Werbe-Auktionen versteigern. Jeder Aufruf, jede Einblendung, jeder Klick erzeugt einen Eintrag – und dieser Eintrag lässt sich zu einer konkreten Person verdichten.

Das Mechanische daran ist banal. Eine App ruft ein Werbe-SDK auf, das SDK sendet Standort und Profilattribute an eine Demand-Side-Plattform, die Plattform ermittelt den Bieter mit dem höchsten Gebot. Jeder zugelassene Bieter sieht den Datensatz. Ob eine Modekette, ein Versicherer oder eine Überwachungsfirma den Zuschlag erhält, ist aus Systemsicht nicht zu unterscheiden.

Was ein Marketinginstrument sein will, ist eine Aufklärungsquelle. Eine Werbe-ID genügt, um Bewegungsprofile zu zeichnen, um zu erkennen, wann eine Person ein bestimmtes Gebäude betritt. Wer in einer Sicherheitsbehörde arbeitet, ist in dieser Logik ein verwertbares Ziel: Diensthandy, privates Telefon, Fahrzeuge, Aufenthaltsorte der Familie – alles fällt in denselben Datenstrom, den jeder Bieter sehen darf. Reverse Engineering: wer die Werbedaten sammelt, kann die Werbedaten nutzen. Er kann Behörden beobachten, die ihn nicht beobachten dürften.

Die Bundesregierung räumt in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage ein, keine Übersicht darüber zu haben, wie oft und in welchem Kontext ihre eigenen Stellen solche Werbedatenbanken nutzen. Das erklärte die FDP-Bundestagsabgeordnete Donata Vogt-Schmidt in einer Pressemitteilung. „Wir haben es hier mit einer echten Black Box zu tun", sagte sie. Das gelte nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit, sondern auch gegenüber der Regierung selbst.

Diese Aussage markiert die Mitte des Problems. Wer ADINT einsetzt, braucht keinen Kabelanschluss, keine Richtfunkantenne, keinen Zugang zu einem Serverraum. Er braucht die Werbe-Infrastruktur, die längst gebaut ist: Milliarden Endgeräte, abertausend Apps, ein Auktionssystem im Millisekundentakt. Die Architektur ist zivil. Ihre Zweitverwendung ist es nicht.

Verlässliche Zahlen, wie viele Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden über die Werbe-Infrastruktur lokalisierbar sind, gibt es derzeit nicht. Der Markt für Werbedaten ist ein Geheimnis zwischen Brokern, SDK-Anbietern und Plattformen. Die Abgeordnete fordert, diesen Markt auszutrocknen, und eine umfassende Aufklärung der Bundesregierung über die eigene Nutzung dieser Datenquellen.

Bis dahin gilt: Die Werbe-ID auf Ihrem Diensthandy ist keine Werbe-ID. Sie ist ein Peilsender. Und die Frage ist nicht mehr, ob Behörden beobachtet werden, sondern wer gerade mithört.

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