EPA dereguliert Methan: 700.000 Stripper-Wells ohne Aufsicht
Washington. Die Drähte summen, und diesmal tragen sie eine Botschaft, die in jede Küche gehört: Die EPA – die oberste Umweltbehörde der Vereinigten Staaten – will die Methan-Kontrollen an Öl- und Gasquellen drastisch aufweichen. Ein Verordnungsentwurf liegt dem Weißen Haus vor, ProPublica hat ihn eingesehen. Was als „Erleichterung" für die Industrie verkauft wird, ist die Freigabe von mehr als 700.000 alten, maroden Bohrlöchern.
Diese Löcher heißen Stripper-Wells, benannt nach ihrer geringen Tagesleistung. Sie sind alt, schlecht gewartet, undicht. Sie fördern sechs Prozent des amerikanischen Öls und Erdgases. Gleichzeitig sind sie für etwa die Hälfte der Methan-Emissionen der gesamten Branche verantwortlich. Das steht so – mit vergleichbaren Zahlen – im EPA-Entwurf selbst.
Was ist Methan? Ein Treibhausgas, achtzig Mal wirksamer als Kohlendioxid, gemessen über zwanzig Jahre. Was aus diesen 700.000 Löchern zischt, heizt die Atmosphäre direkt auf.
Die Behörde argumentiert: Die bestehenden Auflagen seien für die kleinsten Produzenten „unzumutbar" und würden diese zur Schließung zwingen. Eine Branchenschätzung im Entwurf selbst beziffert den Verlust auf 0,4 Prozent der gesamten US-Öl- und Gasproduktion. Der Verzicht auf die Auflagen soll den Unternehmen bis 2050 dagegen 42 Milliarden Dollar sparen. Im Begleitmemo taucht das Lieblingswort der Regierung auf: „unleash" – entfesselt die amerikanische Energie.
Doch wer hat diese Entfesselung bestellt? Die Petitionen, auf die sich der Entwurf beruft, stammen unter anderem von der Independent Petroleum Association of America und der National Stripper Well Association. Im Hintergrund der ersten Organisation: Jeffery Hildebrand, Gründer und Eigentümer von Hilcorp. Das Privatunternehmen hat ein Geschäftsmodell, das auf dem Kauf alter, schlecht gewarteter Stripper-Wells beruht – genau jener Bohrlöcher, deren Methan-Ausstoß die Biden-Regierung 2024 einzudämmen versuchte.
Hildebrand antwortete mit Geld. Er zählt zu den größten Trump-Spendern der Branche. Im Amt angekommen, setzte die Regierung Aaron Szabo an die Spitze der zuständigen EPA-Abteilung. Szabo war vorher Lobbyist für Hilcorp. Wie ProPublica im Juni berichtete, wirkte Szabo an einem Brief des American Exploration and Production Council mit, der sich gegen die Methan-Auflagen richtete – in dessen Vorstand sitzt Hilcorps CEO.
Die Rechnung ist so schlicht wie alt: Sechs Prozent Förderung stehen gegen fünfzig Prozent Emission. Die Industrie spart 42 Milliarden. Die Atmosphäre trägt den Rest.
Umweltgruppen schlagen Alarm. „Es geht nicht um Energie-Dominanz", sagt Darin Schroeder von der Clean Air Task Force. „Es geht darum, die Taschen der Öl- und Gasbetreiber zu füllen und der Gesellschaft die Kosten aufzubürden."
Was hier geschieht, ist dokumentiert. Der Sender ist bekannt. Die Frequenz ist alt. Nur hört diesmal jeder hin, der noch ein Messgerät besitzt. Die Stripper-Wells in New Mexico, Texas und anderswo werden weiter zischen. Die EPA wird zusehen.
Das Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen weiter.
❖ Ende des Artikels ❖
