DER LANGE WEG: 70 MEILEN OFFENE KÜSTE — WIE EIN SCHLAUCHBOOT DAS SYSTEM AUSHEBELTE
70 Seemeilen. Das ist die Strecke zwischen Jobourg an der normannischen Küste und Portsmouth. Ein ausgewachsener Frachter braucht dafür bei ruhiger See vier, fünf Stunden. Ein Schlauchboot, voll besetzt mit 140 Menschen, brauchte über 30. Und kein Schwein hat es gesehen, bis es zu spät war.
Fünf französische Rettungsboote und zwei Hubschrauber begleiteten das Gefährt auf dem Weg über den Kanal. Sie haben nicht abgefangen, sie haben es abgeschirmt. Die Société Nationale de Sauvetage en Mer lehnte es Berichten zufolge ab, die 120 bis 140 Menschen an Bord aufzunehmen — angeblich, um deren Leben nicht zu gefährden. Wer die Technik der Rettungshubschrauber kennt, weiß: Diese Begründung hält einer Prüfung nicht stand. Ein SAR-Hubschrauber kann bis zu 15 Personen aus der Luft aufnehmen, mit Winde. Dass man hilft, ohne zu bergen, ist eine bewusste Entscheidung. Welche, werden wir noch zu hören bekommen.
Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez hat seinen britischen Amtskollegen inzwischen klargemacht, dass das bestehende System, das die Abfangmissionen organisiert, beendet werden soll. Gleichzeitig warnen französische Beamte, dass in den kommenden Wochen *weit mehr* solcher Langstreckenüberquerungen von der normannischen Küste aus folgen werden. Lesen wir die Drähte richtig, ergibt das einen Widerspruch: Man kündigt das Ende eines Systems an und sagt zugleich voraus, dass genau dieses System in Kürze durch eine Welle weiterer Versuche überrollt wird. Wer ankündigt, dass mehr Schlauchboote kommen, während er die Abwehr einstellt, kündigt kein Ende an — er kündigt eine Verschärfung an.
Jobourg ist ein Felsvorsprung. Kein regulärer Hafen, keine Polizeipatrouille, kein Asphalt zum Aufpäppeln von Gummibooten. Wer dort ablegt, nutzt eine Lücke im Patrouillenraster — und beweist damit das, was jede Funkoffizierin auf den Bändern längst hört: Die Küstenüberwachung im Ärmelkanal ist ein Flickwerk aus nationalen Zuständigkeiten, das bei jeder neuen Route nur so lange hält, bis jemand eine andere findet. Radar der Schifffahrtsbehörden, Küstenwachen-VHF, AIS-Transponder auf den Schiffen — alles funktioniert auf Papier. Bei einem Schlauchboot, das kein AIS sendet, sehen diese Systeme nichts. Sie sehen ein aufgewühltes Meer.
Die Briten werden die Migranten nach Dover gebracht haben, nachdem sie mehr als 30 Stunden auf See waren. Hampshire galt zwischenzeitlich als mögliches Ziel, dann doch Portsmouth. Was bleibt, ist die Landkarte der Erwartung: Die gesamte Südküste Englands ist jetzt Hypothesenraum. Hampshire. Sussex. Kent. Dorset. Alles Orte, an denen lokale Häfen auf ein Szenario nicht vorbereitet sind, das die französische Seite offen für wahrscheinlich hält.
Wer fragt, was eine einzige erfolgreiche Überfahrt technisch bedeutet, bekommt eine ernüchternde Antwort: Sie ist der Prototyp. Sie zeigt Schleppern, dass 70 Meilen funktionieren, dass kein Patrouillenboot in der Mitte des Kanals steht, dass die Rettungskette auf französischer Seite das Gefährt durchschleust, statt es zu kappen. Sie beweist, dass die Dauer einer Fahrt keine Abschreckung ist, wenn das Ziel die Ankunft bleibt.
Die britischen Kollegen werden mir widersprechen. Sie werden sagen, dass die Route aus der Normandie ungewöhnlich ist, dass Schiffe der Royal Navy bereitstünden, dass die Küstenwache jede ankommende Barkasse eskortiere. Mag sein. Die Drähte aber sagen: Dass überhaupt jemand 70 Meilen lang begleitet wird, ohne dass das System greift, ist kein Seeunfall. Das ist der Beweis, dass das System an dieser Stelle keines ist.
Frankreich kündigt das Abkommen auf. Paris sagt, es werden mehr Boote kommen. Whitehall empfängt die Warnung. Was zwischen diesen drei Sätzen fehlt, ist die Technik, die sie ausführt. Solange die fehlt, wird das nächste Boot nicht die Ausnahme sein. Es wird die Regel.
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