Streik vor den Toren: Wenn die Gewerkschaft gegen Migration und Lohn kämpft
Liverpool. Manchester. London. Überall dasselbe Bild.
Die größte britische Gewerkschaft hat für nächste Woche eine Demonstration vor der Labour-Parteikonferenz in Liverpool angekündigt. Gegen die Migrationspläne der Regierung. Parallel dazu streiken Bahnbeschäftigte und erhöhen den Druck auf Andy Burnham, den Mann, den manche schon Gordon Brown nennen, bevor er überhaupt im Amt ist.
Zwei Bewegungen. Eine Frage: Wer bezahlt den Preis?
Ich sitze in einem Café in Manchester, vor mir ein Tee, der nicht mehr warm wird, und die Zeitung mit der Schlagzeile, die alles zusammenfasst, ohne es zu sagen. 781 Menschen sind an einem einzigen Mittwoch über den Kanal gekommen. In zehn Booten. Die Border Force hat in derselben Woche zwei Schlauchboote übersehen. Eins davon liegt jetzt irgendwo an einem englischen Strand, die Insassen werden in eine Halle gesteckt, und ein Sachbearbeiter tippt ihre Namen in eine Datenbank, die niemand kontrolliert.
Die Gewerkschaft sagt: genug. Sie sagt es laut, sie sagt es vor der Konferenz, sie sagt es zur richtigen Zeit, weil Labour gerade so tut, als könnte es gleichzeitig die Türen schließen und die Herzen öffnen. Das ist der Trick. Das ist immer der Trick.
Wer streikt, hat keine Sicherheit mehr. Wer flieht, hat auch keine. Beide stehen vor demselben Paragrafendschungel, nur auf verschiedenen Seiten der Theke.
Die Bahnbeschäftigten streiken nicht wegen der Migration. Sie streiken, weil die Tickets teurer werden, die Schichten länger, die Pausen kürzer, und weil ein Konzernvorstand in London jedes Quartal eine Zahl präsentiert bekommt, die ihr Leben nicht berührt. Sie streiken, weil ihnen der soziale Fallschirm gestohlen wurde, der ihnen nach dem Krieg einmal zugestanden wurde. Sie streiken, und die Gewerkschaft, die für sie spricht, steht nun vor der Tür einer Partei, die behauptet, die Arbeiterklasse zu vertreten, und gleichzeitig Flüchtlinge an der Grenze abweisen will.
Das ist kein Zufall. Das ist ein System.
Ich habe in Wien Formulare ausgefüllt für Menschen, die keiner haben wollte. Ich habe gesehen, wie eine Mutter aus Aleppo ihren Sohn in einer Behörde verlor, nur weil ein Stempel auf dem falschen Feld saß. Ich habe auch gesehen, wie britische Bauarbeiter, die ich interviewte, mir sagten, sie hätten Angst. Nicht vor den Migranten. Vor der Miete. Vor dem Winter. Vor dem nächsten Quartal.
Beide Ängste sind berechtigt. Beide werden gegeneinander aufgehetzt.
Tony Blair hat in dieser Woche Burnham zugerufen, Großbritannien solle innerhalb des nächsten Jahrzehnts auf einen EU-Beitritt hinarbeiten. Ein Forscherteam des Tony Blair Institute legt das in einem Papier vor. Burnham antwortet: „Für einen anderen Tag." Er läuft durch den Green Park, als wäre nichts. Er läuft, während 781 Boote ankommen, während Bahnbeschäftigte streiken, während eine Gewerkschaft seine Konferenz belagert.
Er läuft, weil Stillhalten sein Geschäft ist.
Wer profitiert? Die Vermieter, die in Liverpool und Manchester die Mieten hochziehen, weil plötzlich mehr Menschen um weniger Wohnungen konkurrieren. Die Personaldienstleister, die Geflüchtete in Leiharbeit pressen, weil kein Tarifvertrag sie schützt. Die Boulevardpresse, die täglich eine neue Zahl auf den Titel bringt, damit niemand fragt, warum die Löhne seit zehn Jahren nicht steigen. Die Politiker, die das eine Versprechen geben und das andere brechen, weil sie wissen, dass Wut sich leichter gegen den Nachbarn richten lässt als gegen den Aktionär.
Das ist die alte Rechnung. Sie funktioniert, weil das Misstrauen billiger ist als die Reform.
Ich habe einen kleinen Koffer unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle. Er enthält Reisepass, zwei Hemden, die Fotos meiner Mutter, ein Notizbuch, in dem die Namen von Menschen stehen, die ich nicht vergessen darf. Er steht dort, weil ich weiß, wie schnell ein Paragraph sich in eine Mauer verwandelt.
In Liverpool werden nächste Woche Gewerkschafter mit Plakaten stehen. Sie werden Paragrafen zitieren, die sie selbst nicht geschrieben haben, in einem Land, das sie selbst nicht mehr erkennen. Sie werden Forderungen stellen an eine Partei, die einmal ihre Partei war. Sie werden keine Antwort bekommen, die sie verdienen.
Denn die Antwort lautet seit 1937 immer gleich: Die Grenzen werden dichter. Die Arbeit wird prekärer. Die Rechnung geht an diejenigen, die sie nicht aufgestellt haben.
Ich zähle weiter.
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