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26. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Dr. TikTok liest mit — Wie Google und TikTok an intime Patientendaten gelangen

26. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

São Paulo, Cartagena, Bogotá, Mexico City. Wer einen Arzttermin bucht, sollte meinen, die Sache bleibe zwischen Patient, Arzt und der Plattform. Falsch gedacht. Eine gemeinsame Recherche von The Markup und der brasilianischen Investigativredaktion Agência Pública zeigt: Doctoralia, ein Online-Portal für Arzttermine, das Millionen Menschen in Lateinamerika und Europa bedient, leitet sensible Daten über medizinische Suchanfragen und gebuchte Termine an die Werbesysteme von Google, TikTok und LinkedIn weiter.

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Die Methode ist unsichtbar, aber nicht neu. Auf den Domains von Doctoralia sitzen winzige Codeschnipsel — Tracker, Pixel, Werbetags. Sie stammen von den Marketingplattformen der Tech-Konzerne und laden beim Aufruf der Seite im Hintergrund nach. Was der Besucher tippt, klickt, sucht, fließt in Echtzeit an die Server der Plattformen. Nicht weil Doctoralia das so will, sondern weil die Geschäftsmodelle dieser Konzerne darauf angelegt sind, Daten zu sammeln. Jede Seite, die Analysen nutzt, Werbung schaltet oder Social-Media-Schaltflächen einbettet, öffnet damit eine Schleuse. Doctoralia bietet in Lateinamerika und Europa Dienste an, die dem US-Anbieter ZocDoc entsprechen: Arzt suchen, Termin buchen, online finden.

Was hier fließt, ist kein Klick auf einen Werbebanner. Es sind Krankenakten im Kleinformat.

In Brasilien etwa: Wer in São Paulo nach einer Gynäkologin sucht, überträgt diese Suchanfrage über Googles Marketingplattform an den Konzern. Bucht der Patient anschließend einen Termin, gehen Name des Arztes, Fachgebiet, Datum und Uhrzeit ebenfalls an Google. In Kolumbien läuft der gleiche Datenstrom zu LinkedIn — wer in Cartagena einen Dermatologen bucht, liefert LinkedIn die Termininformationen. In Bogotá und Mexiko wiederum landet die Buchung bei TikTok: Psychologe, Hautarzt, gleich welche Fachrichtung — die Terminbestätigung wird zum Datensatz im Werbesystem.

Die Reporterinnen und Reporter haben den Netzwerkverkehr auf mehreren Domains von Doctoralia in Brasilien, Kolumbien, Mexiko und weiteren Ländern geprüft. Das Ergebnis: Die Tracker setzen ein, fast sobald der Nutzer die Seite betritt. Sie folgen dem Besucher durch die gesamte Suche bis zur Buchung. Die Tech-Industrie erhält so ein Profil, das verrät, wonach jemand sucht, welche Ärzte in welcher Stadt konsultiert werden, wann der Termin stattfindet. Die Rohdaten hat The Markup auf GitHub veröffentlicht. Die Erhebung ist Teil einer laufenden Serie zum Web-Tracking.

Doctoralia erklärte auf Anfrage, man werde die Online-Praktiken detailliert überprüfen und Patientendaten nicht zu Geld machen. Das ist formal richtig — und doch irreführend. Die Daten werden nicht verkauft, sondern über eingebettete Werbe- und Analysetools abgeschöpft. Doctoralia erhält im Gegenzug kostenlose Marketinginfrastruktur, die Konzerne erhalten Rohstoff für ihre Algorithmen. Was auf der Strecke bleibt, ist die informationelle Selbstbestimmung der Patienten.

Eine brasilianische Gynäkologin, die selbst über Doctoralia arbeitet und anonym sprach, bringt es auf den Punkt: „Schon ohne ausgesprochene Diagnose kann der Weg, den jemand bei der Suche nach medizinischer Versorgung nimmt, Hinweise auf Gesundheitsprobleme geben, die privat bleiben sollten." Eine Suche nach Gynäkologie, Geburtshilfe oder Reproduktionsmedizin könne auf Kinderwunsch, eine mögliche Schwangerschaft, Unfruchtbarkeit oder einen Schwangerschaftsabbruch hindeuten.

Rechtsexperten, die für die Recherche gehört wurden, halten die Praxis für einen Verstoß gegen die brasilianischen Erwartungen an Datenschutz — möglicherweise gegen brasilianisches Recht. Die Tracker schaffen einen Nebenkanal, der genau jene Rekonstruktion erlaubt, die das Gesundheitsdatengeheimnis eigentlich ausschließen soll.

Die Recherche verweist auf ein Muster, das über Doctoralia hinausreicht. Gesundheitsplattformen, Terminbuchungen, Versicherungsportale nutzen dieselben Werkzeuge — Google-Ads-Tags, LinkedIn-Insights, TikTok-Pixel. Wer Reichweite will, kommt an diesem System kaum vorbei. Die Architektur der Werbeplattformen sorgt dafür, dass auch Seiten, die niemals Patientendaten teilen wollten, zum Datenlieferanten werden.

Die Quelle ist eine einzige, die Datenlage beruht auf den Logs der Rechercheure. Was jetzt folgen muss, ist die unabhängige Prüfung — durch die brasilianische Datenschutzbehörde ANPD, durch Aufsichtsbehörden in Kolumbien, Mexiko und der EU. Die Drähte summen weiter. Sie tragen mehr, als den meisten lieb sein kann.

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