Preilack, München, kein Täter: Die Lücken im Sicherheitsnetz
Die Frequenz ist klar. Was fehlt, ist die Antwort.
Anfang September, zwei Tage, zwei Schauplätze, zwei verschiedene Signaturen – und ein gemeinsamer Befund: Wir wissen, dass etwas geschehen ist. Wir wissen nicht, wer dahinter steht. Deutschland diskutiert seitdem weniger über die Taten als über seine eigene Handlungsfähigkeit.
In Brandenburg detonierte am Morgen des ersten September ein improvisiertes Sprenggerät an der Preilack-Trafostation, etwa hundert Kilometer südöstlich von Berlin. Die Anlage verteilt Strom aus dem benachbarten Kohlekraftwerk Jänschwalde, einem der größten Braunkohlekomplexe des Landes unweit der polnischen Grenze. Mehrere Stromleitungen wurden beschädigt, die Versorgung brach kurz zusammen, ein Blackout blieb aus. Die Polizei sprach von mehreren am Morgen gegen acht Uhr aufgefundenen Geräten; mindestens eines detonierte, andere blieben inert. Niemand wurde verletzt.
Der Netzbetreiber 50Hertz erklärte, die Leitungen seien wieder in Betrieb, die allgemeine Stromversorgung sei nicht betroffen. Nach Angaben des Betreibers wurden selbstgebaute Geschosse verwendet, die an Silvesterfeuerwerk erinnern. Der Kraftwerksbetreiber LEAG sprach von einem „Angriff" und prüft einen möglichen Zusammenhang mit einer späteren technischen Störung an einem Block des Kraftwerks. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann sprach von einer „beunruhigend hohen Frequenz" solcher Vorfälle und kündigte an, die Einrichtung eines neuen Sicherheitszentrums für kritische Infrastruktur zu prüfen.
Am Abend desselben Tages, gegen 18 Uhr, ein zweiter Vorfall: Die Polizei ermittelt nach vorsätzlicher Sachbeschädigung an einer Umspannanlage bei Bergheim in Nordrhein-Westfalen. Netzbetreiber Amprion, mehrheitlich im Besitz von RWE, sprach von wahrscheinlicher Fremdeinwirkung; fünf Braunkohleblöcke mit zusammen 4200 Megawatt Leistung gingen vom Netz, einer mit 600 Megawatt wurde bereits wieder zugeschaltet. Redmann sieht Parallelen zu Brandenburg, sprach aber von einem sehr frühen Ermittlungsstand.
In München geriet parallel die Zentrale des Rüstungselektronik-Konzerns Rohde & Schwarz ins Visier. Die Polizei ermittelt wegen eines politisch motivierten Brandanschlags auf eine Baustelle außerhalb des Firmengeländes. Wenige Tage zuvor waren zwei Personen festgenommen worden, nachdem sie versucht hatten, an zwei Münchener Verteidigungsunternehmen einen Brandanschlag zu verüben. Ob die Münchener und die Brandenburger Taten zusammenhängen, ist offen. Auch ein nicht explodierter Brandsatz wurde an einem Brandenburger Umspannwerk sichergestellt.
Was bleibt, ist die Leerstelle. Niemand hat sich zu den Anschlägen bekannt. Die Berliner Polizei ermittelt, die Staatsschutzabteilungen ebenso. Zuständigkeitsstreitigkeiten zwischen Bund und Ländern behindern die Analyse, räumen Beteiligte ein. Das KRITIS-Dachgesetz ist seit März in Kraft und verpflichtet Betreiber zu mehr Zäunen, Kameras und Alarmanlagen; es erlaubt ihnen zudem, sicherheitsrelevante Daten aus dem Internet zu löschen. Doch greifen wird es erst, wenn klar ist, wogegen man sich verteidigt.
Die Bundesregierung sieht eine Drohnenattacke auf ein ukrainisches Frachtflugzeug am Leipziger Flughafen im August als Werk russischer Stellen und spricht von hybrider Kriegsführung; die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas nannte den Vorfall mit den Merkmalen staatlich gestützten Terrors vergleichbar. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke verurteilte die Angriffe auf das Stromnetz: „Wer unsere kritische Infrastruktur sabotiert und die Gesellschaft lähmen will, greift uns alle an." Die linksextremistische Vulkangruppe hat frühere Anschläge für sich reklamiert, darunter einen größeren Stromausfall in Berlin und eine Sabotageaktion im Tesla-Werk – doch für die aktuellen Vorfälle fehlt bislang jedes Bekennerschreiben.
Die offene Frage überlagert alles andere: Handelt es sich um koordinierte Spionage eines staatlichen Akteurs, um das Werk militanter Gruppen oder um unzusammenhängende Taten mit unterschiedlichen Motiven? Solange diese Frage unbeantwortet bleibt, sind alle Schutzmaßnahmen reaktiv. Deutschland schützt sich gegen ein Gesicht, das es noch nicht kennt.
Die Drähte summen weiter. Was sie tragen, weiß noch keiner.
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