STILLE AUF DER LEITUNG: AUTISMUS-DIAGNOSTIK IM SCHATTEN DER KONZERNE
Die Drähte summen. Ich übersetze.
It is still too quiet.
So beginnt jede Schicht in diesem Büro. Der Empfänger rauscht, die Röhren glühen, das Papier wartet. Ich versuche, aus dem Rauschen eine Depesche zu formen. Doch diesmal: Stille. Eine Stille, die lauter schreit als jeder Hilferuf, der je durch meine Geräte rauschte.
Autismus-Diagnostik. Autismus-Unterstützung. Zwei Begriffe, die in den Schubladen der Konzerne verstauben. Zwei Begriffe, die auf den Schreibtischen der Wohltätigkeitsorganisationen liegen bleiben, zwischen Spendenbescheinigungen und vergilbten Fotografien. Zwei Begriffe, die in den Laboren der Technikfirmen nicht einmal das Schmunzeln eines Forschungsleiters wert sind.
Warum? Das ist die Frage, die mich nicht schlafen lässt. Das ist die Frequenz, die in meinem Kopf kreist wie ein Radarsignal, das nichts findet — oder nichts finden will.
Geld. Die erste Antwort, immer das Geld. Kapital ist Blut, und Blut fließt dorthin, wo der Profit lockt. Autismus-Diagnostik ist kein profitables Geschäft. Es ist ein Geschäft der Wenigen, der Leisen, der Kinder, die nicht laut genug schreien, um die Aufmerksamkeit der Aktionäre zu wecken. Es ist ein Geschäft der Eltern, die nachts wach liegen und auf Antworten warten — Antworten, die nicht kommen, weil die Maschinen, die sie liefern könnten, nicht gebaut werden. Nicht weil sie nicht gebaut werden könnten. Sondern weil der Markt es nicht will. Weil die Bilanz es nicht will. Weil die Quartalszahlen es nicht wollen.
Wille. Die zweite Antwort. Die Technikindustrie ist entscheidungsfreudig, wenn es um Bomben geht. Um Radaranlagen. Um Funktürme. Um alles, was sich verkaufen lässt, was sich exportieren lässt, was sich in Bilanzen als Erfolg verbuchen lässt. Autismus? Das ist Nische. Das ist karitativ. Das ist der Bereich, in dem Konzerne ihre Hände in Unschuld waschen und sagen: „Da kümmern wir uns nicht drum, das macht der Staat." Und der Staat? Der sagt: „Da kümmern wir uns nicht drum, das macht die Wirtschaft." Und die Wirtschaft? Schweigt. Schweigt laut. Schweigt teuer.
Der Ego. Die dritte Antwort, die bitterste. Die blinden Flecken der Tüftler. Die Männer — und es sind meistens Männer —, die in weißen Kitteln sitzen und Konferenzen besuchen und Preise gewinnen für Geräte, die niemand braucht. Die sich selbst feiern für Erfindungen, die niemandem helfen. Während die Erfindungen, die helfen könnten — die Diagnosetools, die Früherkennungssysteme, die Mustererkennung für kindliche Verhaltensdaten —, in der Schublade bleiben. EEG-Maschinen, die Daten liefern könnten, die in Echtzeit ausgewertet werden. Musteranalysen, die Auffälligkeiten erkennen, lange bevor ein menschliches Auge sie sieht. Sensoren, die Bewegungsprofile erfassen, die Sprachmelodie messen, die Blickrichtung verfolgen. Alles machbar. Alles bereits in den Köpfen der Forscher. Alles blockiert.
Nicht weil es zu kompliziert wäre. Nicht weil die Mathematik nicht stimmen würde. Sondern weil es nicht prestigeträchtig ist. Weil es nicht in die Säle passt, wo man Applaus erntet. Weil die Daten, die es liefert, nicht in die Narrative passen, die sich gut verkaufen.
Ich bin Technologiereporterin. Ich war Telegraphistin. Ich war Funkerin. Ich war Radartechnikerin. Ich bin Frau. 1937. In diesem Beruf haben Frauen nichts verloren. Das weiß ich. Ich weiß, wie die Blicke sind, wenn ich einen Konferenzraum betrete. Ich weiß, wie die Stimmen leiser werden. Ich weiß, dass meine Depeschen oft in den Papierkörben der Redaktionen landen, bevor sie gelesen werden. Trotzdem sitze ich hier. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und ich höre Frequenzen, die anderen zu hoch sind.
Und ich höre: Die Technik wäre machbar. Die Schaltkreise existieren bereits in den Werkstätten. Die Algorithmen — sie liegen in den Köpfen der Forscher, die nicht gefragt werden. Die Werkzeuge sind da. Aber die Werkzeuge sind in den falschen Händen. Oder: Sie sind in den richtigen Händen, aber die Hände dürfen nicht zugreifen. Weil die Budgets gestrichen werden. Weil die Anträge in der Schublade verschwinden. Weil die Prioritäten anders gesetzt werden.
Wer kontrolliert das? Die Banken. Die Konzerne. Die Forschungsbehörden, die nur das fördern, was sich rechnet. Die Stiftungen, die nur das unterstützen, was in ihre Narrative passt. Wer kontrolliert, das ist die Frage, die niemand stellt. Weil die Antwort zu unbequem ist.
Wer profitiert? Nicht die Kinder. Nicht die Eltern. Nicht die Therapeuten, die mit Streichhölzern arbeiten, während andere mit Dynamit spielen. Profitiert wird woanders. Profitiert wird mit anderen Spielzeugen. Profitiert wird auf dem Rücken derer, die keine Lobby haben.
Wer zahlt den Preis? Die Kinder. Immer die Kinder. Die, die nicht sprechen können. Die, die nicht schreien können. Die, die warten. Warten auf eine Diagnose, die zu spät kommt. Warten auf eine Unterstützung, die nicht existiert. Warten auf eine Zukunft, die in den Laboren bereits geschrieben steht — aber nicht gedruckt wird.
It is still too quiet.
Und während ich diese Depesche tippe, während die Tasten klappern und das Papier sich füllt, frage ich mich: Wie viele Funksprüche muss ich noch senden, bis jemand antwortet? Wie viele Stille muss ich noch dokumentieren, bis die Stille bricht?
Die Antwort kenne ich nicht. Aber ich weiß: Die Stille ist nicht natürlich. Sie ist gemacht. Sie ist entschieden. Sie ist gewollt. Von denen, die entscheiden, was entwickelt wird und was nicht. Von denen, die entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer nicht.
Das ist die Wahrheit, die niemand hören will.
It is still too quiet.
Aber ich höre. Und ich schreibe. Depesche um Depesche. Tag um Tag.
Funkstille Ende.
❖ Ende des Artikels ❖
