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28. September 2026

Dossier · Migration & Asyl

Gleicher Antrag, getrennte Urteile: Ein iranisches Paar im US-Asylsystem

28. September 2026 — — M. Silber

Sari, Iran, 2024. Mohammadjamal Azizi und Hannaneh Alikaram stehen vor der Linse und lächeln. Es ist das Foto, das sie jetzt begleitet — durch Schriftsätze, durch Wartezimmer, durch 21 Monate amerikanischer Haft. Es ist das Foto einer Zukunft, die es vielleicht nicht mehr gibt.

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Die beiden sind christliche Konvertiten. In ihrer Heimat Iran wurden sie zweimal verhaftet wegen ihres Glaubens. Ende 2024 flohen sie in die Vereinigten Staaten und stellten Asylanträge. Die Anträge waren nahezu identisch. Wortlaut, Beweise, Fluchtgründe — alles.

Die Urteile waren es nicht.

Mohammadjamal, der sich Liam nennt, bekam Asyl gewährt. Er lebt seit über einem Jahr in Freiheit, arbeitet in Los Angeles im iranisch-amerikanischen Zentrum der Stadt, jobbt, was sich findet, um die Anwaltskosten zu bezahlen. Jeder Dollar ein Baustein für einen Antrag, der seine Frau befreien soll. Hannaneh sitzt. Seit 21 Monaten in US-Haft. Mehr als ein Jahr davon, nachdem ihr Antrag abgelehnt wurde. Zwei Richter, die über zwei identische Akten entschieden — und zu zwei sich diametral widersprechenden Ergebnissen kamen.

Anwälte nennen das «immigration roulette». Ein treffenderes Wort gibt es nicht.

Was hier geschieht, ist kein Einzelfall im klassischen Sinn, sondern ein System, das unter politischem Druck neu kalibriert wurde. Die Trump-Administration verfolgt zwei parallele Agenden: Masseninhaftierung und Massenabschiebung. Beide greifen ineinander wie Zahnräder. Menschen, die früher ihren Fall außerhalb der Haft hätten führen dürfen — etwa durch elektronische Fußfessel oder Kaution — werden eingesperrt. Schutzsuchende, die früher vor Abschiebung sicher waren, weil ihnen Verfolgung im Herkunftsland drohte, werden abgeschoben. Präzedenzfälle, die über Jahre Bestand hatten, werden beiseite gewischt.

Iraner stehen besonders im Fokus. Im Zuge des sogenannten Zwölf-Tage-Krieges zwischen den USA, Israel und Iran startete die Einwanderungsbehörde ICE gemeinsam mit dem Regime in Teheran ein Programm, um Abschiebeflüge in den Iran zu organisieren. Drei Maschinen mit iranischen Abgeschobenen gingen an den Start, bevor die Flüge ausgesetzt wurden — nachdem die USA und Israel den Krieg gegen Iran ausgeweitet haben.

Seitdem werden Inhaftierte mit rechtskräftigen Abschiebebescheiden in Drittländer verfrachtet. Panama. Zentralafrikanische Republik. Länder, in denen die Betroffenen niemanden kennen, in denen sie keine Sprache sprechen, aus denen es kaum ein Entkommen gibt. Drittländerflüge gehen im Monatstakt.

Hannaneh Alikaram könnte auf einer dieser Maschinen sitzen. Sie und ihr Mann leben in ständiger Angst.

Und doch: Nach dem Buchstaben des US-Einwanderungsrechts müsste dieser Fall einfach sein. Als Ehefrau eines anerkannten Asylberechtigten hat Alikaram Anspruch auf sogenanntes derivatives Asyl — ein Status, der Familienzusammenführung garantieren soll und genau für Fälle wie diesen geschaffen wurde. Die juristische Logik ist klar. Die Anwendung stockt.

Dass dieser Mechanismus versagt, ist keine Panne. Es ist das Ergebnis eines Systems, das unter dem Druck der aktuellen politischen Linie Schutz suchende Menschen faktisch gegeneinander ausspielt. Ein Ehemann wird als asylberechtigt anerkannt. Seine Frau, dieselbe Flucht, derselbe Glaube, dieselbe Verhaftung — wird eingesperrt. Die juristische Widersprüchlichkeit ist dokumentierbar. Die Auflösung des Widerspruchs bleibt aus.

Was bleibt, ist die Quellenlage. Der vorliegende Bericht stützt sich auf eine einzelne dokumentierte Fallschilderung, veröffentlicht durch The Intercept. Bevor strukturelle Schlüsse gezogen werden können, muss diese Quelle umfassend verifiziert werden — durch weitere Betroffene, durch Anwaltskanzleien, durch Gerichtsunterlagen, durch die Akten der zuständigen Einwanderungsgerichte. Die Geschichte ist zu wichtig, um auf einer einzelnen Stimme zu ruhen. Aber sie ist zu dringend, um nicht erzählt zu werden.

Denn der Fall Azizi und Alikaram wirft Fragen auf, die über das persönliche Schicksal zweier Menschen hinausgehen. Er zeigt, was passiert, wenn ein Rechtsstaat seine eigenen Schutzmechanismen aushöhlt. Wenn der Paragraf noch existiert, aber seine Anwendung von der politischen Großwetterlage abhängt. Wenn ein Asylantrag nicht mehr nach Inhalt entschieden wird, sondern nach dem Richter, der die Akte auf den Tisch bekommt.

Der Koffer unter dem Schreibtisch ist gepackt. Nicht für die Reise. Für die nächste Geschichte.

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