100 Tage bis d-you: Was die Eile verschweigt
Berlin. Die Drähte summen. Im Bundestag wird debattiert — nicht über das Ob, sondern über das Tempo. Die digitale Brieftasche „d-you" soll am 2. Januar 2027 an den Start gehen. In genau hundert Tagen. Was als großer Wurf geplant war, kommt nun klein daher: zunächst nur die Ausweisfunktion, später Führerschein und Lichtbildnachweis, dann schrittweise alles Weitere.
Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) hat gestern im Plenum das Programm formuliert: „Sicherheit ist unsere Verantwortung, Selbstbestimmung ist Ihr Recht." Verschlüsselte Speicherung der Nachweise. Freiwillige Nutzung. Nutzer:innen entscheiden selbst, welche Daten sie weitergeben. Das ist die offizielle Lesart.
Rebecca Lenhard von den Grünen liest die Technik darunter — und das, was fehlt. Ihre Kritik wiegt schwer: Zum Start fehlen sowohl Pseudonyme als auch der sogenannte Zero-Knowledge-Proof. Beide Verfahren sind in der EU-Verordnung zur europäischen digitalen Identität vorgesehen. Pseudonyme erlauben es, sich auszuweisen, ohne den vollen Klarnamen preiszugeben. Der Zero-Knowledge-Beweis überträgt bei einer Alterskontrolle ausschließlich die Information „volljährig: ja oder nein" — nicht das Geburtsdatum.
„Vertrauen kann man am Ende nicht mit einem Update einspielen, und deshalb ist Sicherheit von vornherein ein ganz wichtiges Gut", sagte Lenhard gestern im Bundestag. Der Satz bleibt hängen. Denn genau das ist die Planung: erst starten, später nachrüsten. Die EU-Verordnung sieht die Verfahren vor — nur nicht zwingend zum Start. Die Frage, die niemand offen ausspricht: warum nicht?
Aus der Zivilgesellschaft kommt Verstärkung. In einer aktuellen Stellungnahme fordert der Verbraucherschutz Bundesverband (vzbv) die Bundesregierung auf, beim Schutz sensibler Daten nachzubessern. Die Brieftasche müsse von Anfang an und standardmäßig pseudonyme Nutzung, selektive Datenoffenlegung und datensparsame Altersverifikation bieten. Nicht als späteres Update. Von Beginn an.
Wer zahlt den Preis für ein nachgereichtes Update? Diejenigen, deren Daten in den ersten Wochen durch ein System fließen, das nicht hält, was der Minister versprochen hat. Wer profitiert vom Zeitplan? Wer hat darauf gedrängt, dass trotz offener Sicherheitsfragen gestartet wird? Das sind die Fragen, die zwischen den Zeilen der Pressemitteilung stehen.
Zur Transparenz, weil es nötig ist: Dieser Text stützt sich auf eine einzelne Quelle — den Bericht von netzpolitik.org vom 24. September 2026. Die zitierten Äußerungen aus der Bundestagsdebatte sind ausschließlich diesem Text entnommen und nicht unabhängig verifiziert. Bei einer einzelnen Quelle ist Vorsicht geboten. Was im Bundestag tatsächlich gesagt wurde, sollte gegen das offizielle Plenarprotokoll abgeglichen werden, bevor es verbindlich wird. Das ist keine Pedanterie. Das ist die Grundregel.
Hundert Tage. Eine Wallet ohne die Verfahren, die ihre eigentliche Stärke ausmachen sollen. Ein Minister, der Sicherheit verspricht. Eine Opposition, die ihm nicht glaubt. Eine Verbraucherschutzorganisation, die nachlegt. Ein Startdatum, das näher rückt, während die Liste der offenen Punkte wächst. Das ist die Lage.
Ich höre Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Heute ist es die Frage nach dem Timing. Wer hat den Start so kurz gesetzt? Wer profitiert, wenn es trotz Bedenken losgeht? Wer verliert, wenn etwas schiefgeht? Die Antworten stehen nicht in der Pressemitteilung. Sie stehen in den Akten, die noch nicht öffentlich sind. Ich bleibe dran.
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