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29. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

737 MAX: Autopilot verstummt, Boeing auch

29. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte haben wieder gesummt. Diesmal kommt das Signal aus Seattle, und es klingt nicht gut.

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Boeing hat einen neuen Softwarefehler im 737 MAX eingeräumt — einen, der nach einem verpassten Anflug den Autopiloten teilweise lahmlegt. Ausgerechnet in dem Moment, in dem eine Crew am wenigsten darauf verzichten kann: tief, langsam, oft im schlechten Wetter, mit Sekunden für eine Entscheidung.

Was ist passiert? Ein Update der Flugsteuerungssoftware kann unter bestimmten Umständen dazu führen, dass der Autopilot nach einem durchgegangenen Landeanflug nicht mehr zur Verfügung steht — wenn die Besatzung ihre Route ändert, weil der erste Versuch abgebrochen wurde. Die Maschine reagiert. Aber die Elektronik, die beim Fliegen helfen soll, schweigt sich aus.

Boeing hat die Betreiber im Spätsommer informiert. Das Unternehmen sehe darin kein Sicherheitsrisiko, heißt es aus Seattle. Piloten sollten die bisherigen Verfahren anwenden, ein Software-Update sei in Arbeit. Wer selbst schon mal in einer engen Kurve saß, weiß: Bei niedriger Höhe, schlechtem Wetter und müder Crew sind „bisherige Verfahren" ein dünnes Seil.

Die FAA untersucht den Vorgang. Eine Sprecherin kündigte ein „Corrective Action Review Board" an, man werde „sofort handeln", falls ein Sicherheitsrisiko erkannt werde. Die Formulierung ist die übliche aus dem Behördensprech. Verschwiegen wird die Frage, warum Boeing nicht längst selbst so gehandelt hat.

Denn hier beginnt das Muster. Zwei Abstürze — Lion Air Flug 610 im Oktober 2018, Ethiopian Airlines Flight 302 im März 2019 — kosteten 346 Menschen das Leben. In beiden Fällen war ein Boeing-System namens MCAS verwickelt, das auf fehlerhafte Daten reagierte und die Nase der Maschine nach unten drückte. Die Aufsichtsbehörden gründeten den Typ weltweit. Die FAA gab die MAX erst im November 2020 wieder frei. Anfang 2024 riss bei einer Alaska-Airlines-MAX-9 in Reiseflughöhe ein Kabinenpanel heraus — glücklicherweise ohne Tote, mit einem Bild, das um die Welt ging.

Nun also wieder Software. Wieder eine Stelle, an der die Automatik versagt, wenn sie am nötigsten gebraucht wird. Wieder ein Hinweis, der zuerst durch das Wall Street Journal an die Öffentlichkeit gelangte, nicht durch Boeing selbst.

Wer profitiert? Wer zahlt den Preis?

Southwest und United, zwei der größten US-Kunden, haben Boeing wissen lassen, dass sie keine neuen MAX mehr mit der betroffenen Software ausgeliefert bekommen wollen — sie bitten ausdrücklich um die ältere Version. Alaska, American, Southwest und United versichern, keine ihrer aktuell fliegenden MAX habe die fehlerhafte Software an Bord. Angenehm zu hören. Nur: Boeing weiß nach eigenen Angaben gar nicht, wie viele MAX weltweit mit der neuen Version fliegen, weil Airlines beim Aufspielen von Updates nicht meldepflichtig sind. 2.422 MAX 8 und MAX 9 sind nach Daten der Analysefirma Cirium weltweit im Einsatz. Wie viele davon betroffen sind, weiß der Hersteller selbst nicht.

In Indien fliegen nach der letzten Zählung rund 96 Boeing 737 MAX — 53 bei Air India Express, 43 bei Akasa Air. Akasa sagt, es gebe keine Auswirkung auf den Betrieb. Air India Express hat sich nicht geäußert. Die indische Luftaufsicht ebenfalls nicht.

Die Geschichte reimt sich. 346 Tote, zwei Abstürze, ein abgerissenes Kabinenpanel, ein weiterer Softwarefehler — und immer dieselbe Antwort: Man habe die Betreiber informiert, man arbeite an einem Update, die bestehenden Verfahren seien sicher. Wer in der Suppenküche Zeitung liest, kann das hören. Wer im Cockpit sitzt, muss es glauben.

Die Frage ist nicht, ob Boeing ein Softwareproblem löst. Die Frage ist, warum die Industrie so lange braucht, um es überhaupt als eines zu benennen. Die FAA wartet auf Boeings Eingaben. Boeing wartet auf die FAA. Die Airlines warten auf Boeing. Die Passagiere warten auf alle drei. Und Boeings eigene Ingenieure und Wartungstechniker haben dieser Tage einen Vertragsvorschlag abgelehnt — auch das sagt etwas.

Mein Kaffee ist kalt. Der Lötzinn glüht. Die Drähte summen weiter. Wer zuhört, hört mehr als eine Pressemitteilung. Er hört eine Branche, die Risiken herunterspielt, weil Aufklärung Geld kostet — und Schweigen billig erscheint, bis jemand den Aufpreis zahlt.

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