Prüfer Legt Den Stift Nieder: Nidecs 6,3 Milliarden Frage
Die Drähte summen. Eine Quelle, ein Bericht, ein Beben an den asiatischen Märkten: PwC, der Wirtschaftsprüfer des japanischen Autozulieferers Nidec, hat sich geweigert, den Jahresabschluss mit seinem Testat zu versehen. Das ist der erste Schlag. Was danach folgt, ist die Verhörkette.
Die Quelle sitzt nah am Geschehen. Wir haben sie angefragt, gegenkontrolliert, abgeklopft, was sie uns gibt, ist konsistent mit allem, was der Markt seit Tagesanbruch hört. Aber eine Quelle bleibt eine Quelle. Bevor wir drucken, müssen wir verifizieren: was genau hat PwC beanstandet? Welche Posten, welche Bewertungen, welche konkreten buchhalterischen Auffälligkeiten haben den Prüfer veranlasst, den Stift niederzulegen? Die Antwort steht aus. Und solange sie aussteht, steht auch dieser Artikel unter Vorbehalt.
Was bisher als bestätigt gelten darf: Nidec wird voraussichtlich eine Wertminderung in Höhe von einer Billion Yen, umgerechnet rund 6,3 Milliarden Dollar, verbuchen. Im Zuge dessen soll der Firmenchef entlassen werden. Die Aktie brach am Montag um bis zu achtzehn Prozent ein. Der Konzern selbst spricht von einer anhaltenden Bilanz- und Managementkrise. Vor diesem Hintergrund wirkt die Weigerung des Prüfers nicht wie eine Formsache, sondern wie das Eingeständnis eines Problems, das nicht mehr mit einem Siegel zu kaschieren ist.
Wenn ein Wirtschaftsprüfer das Testat verweigert, ist das im Kern die Aussage: ich kann das, was hier steht, nicht verantworten. Der Prüfer sagt vor der Bilanz aus, wie ein Zeuge vor Gericht. Er nennt nicht das Motiv, aber er legt fest, dieses Zahlenwerk ist nicht in der Form prüfbar, die der Gesetzgeber verlangt. Die Frage, die sich stellt, ist die nach dem Warum. Welche konkreten Buchungen, welche Tochtergesellschaften, welche stillen Reserven stehen im Raum? Wir wissen es noch nicht. Unsere Quelle kennt möglicherweise mehr, aber eine mündliche Auskunft reicht uns nicht. Wir brauchen das Prüfungsurteil im Wortlaut oder die wesentlichen Beanstandungen schriftlich, bevor wir die nächste Stufe zünden.
Zweiter Akt, die Vorgeschichte: Nidec hatte im vergangenen Jahr mehrere Fälle unzulässiger Praktiken offengelegt. Daraus resultierten bereits über die vergangenen Monate hinweg eine Reihe von Wertberichtigungen. Das Muster ist auffällig. Ein Unternehmen, das wiederholt nachjustiert, gerät unter den wachsamen Blick des Prüfers, die Mandatsdauer wird zum Thema, die Eskalationsstufen werden kürzer. Am Ende steht die Frage, was PwC diesmal gesehen hat, was er vorher nicht gesehen hat, oder ob er es gesehen hat und nun an die Grenze seiner Bereitschaft geraten ist, es weiter zu ignorieren.
Die Einordnung von außen: Dass es sich nach allem, was bislang durchsickert, um einen der größten Bilanzskandale Japans handeln könnte, gibt dem Vorgang Gewicht. Nidec ist kein Nischenakteur. Der Konzern liefert Komponenten an die globale Autoindustrie, Motoren, Antriebe, Präzisionsteile. Wenn ein solcher Lieferant wankt, wackeln die Bänder seiner Abnehmer. Die Lieferketten, die in den Werkshallen von Detroit, Wolfsburg und Yokohama beginnen, enden in den Büchern von Kyoto. Was dort nicht stimmt, strahlt aus.
Was wir bislang nicht wissen: den genauen Inhalt der Prüfverweigerung. PwC hat sich öffentlich noch nicht im Detail geäußert. Nidec ebenfalls nicht über das hinaus, was bereits in den Markt gelangt ist. Die Bestätigung, dass es sich um eine Testatsverweigerung handelt, stammt aus einer einzelnen Quelle. Wir haben sie nach bestem journalistischen Ermessen geprüft, die Information ist plausibel, sie fügt sich in das Bild ein, das der Markt zeichnet. Aber Plausibilität ist kein Beweis. Wir bleiben deshalb an der Leine: was bestätigt ist, wird berichtet; was noch zu verifizieren ist, wird offengehalten und nicht kolportiert.
Die nächsten Fragen liegen auf dem Tisch. Wann legt Nidec die endgültigen Zahlen vor? Wann meldet sich PwC offiziell zu Wort? Was sagt die japanische Finanzaufsicht FSA? Die Drähte summen weiter. Wir bleiben dran.
❖ Ende des Artikels ❖
