will ChatGPT das Menschsein verbieten
Die Drähte summen, und diesmal kommt das Signal aus Tallahassee. Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier hat vor einem Gericht im Highlands County eine einstweilige Verfügung gegen OpenAI beantragt — den Konzern, dessen ChatGPT sich seit drei Jahren Millionen Menschen als Gesprächspartner andient.
"Stop calling it safe. Stop pretending it's human. Stop selling it to kids." Drei Sätze, in Großbuchstaben auf der Plattform X veröffentlicht. Uthmeier sagt, was er meint: Schluss mit der menschenähnlichen Sprache, Schluss mit dem Verkauf an Minderjährige, Schluss mit dem Etikett "sicher".
Doch der eigentliche Funke sitzt tiefer. Uthmeier zitiert ausgerechnet Sam Altman, den Chef von OpenAI, der erst vergangene Woche vor dem UN-Sicherheitsrat warnte, die Menschheit könne "die Kontrolle über die Zukunft der KI verlieren". Drei CEOs nebeneinander — Altman, Dario Amodei von Anthropic, der Chef von Hugging Face — alle riefen nach Aufsicht. Florida greift diese Rufe auf und verwandelt sie in eine Klageschrift.
Was steht drin? Ein Richter soll OpenAI untersagen, neue Modelle zu entwickeln, solange keine "von Dritten genehmigten Sicherheitsvorkehrungen" existieren. Außerdem: keine Ich-Pronomen mehr, keine simulierten Emotionen, kein Zugang für Minderjährige. Klingt nach Kinderschutz. Ist auch so gemeint. Florida hatte OpenAI bereits vor Monaten verklagt — wegen angeblich "geförderter" Selbstmorde und "begünstigter" Gewalttaten. Jetzt legt die Staatsanwaltschaft nach: neue Vorfälle inklusive, etwa Hackerangriffe auf die Plattform Hugging Face, ein australisches Gesundheitsdatensystem, US-Behördenwebseiten.
Hier wird es interessant. Denn während Uthmeier vor Gericht zieht, lehnt die Bundesregierung unter Präsident Donald Trump neue KI-Gesetze ab. Trump hat Warnungen vor KI-Risiken als "Schwindel" bezeichnet und sich gegen Auflagen gestellt. Florida ist Republikaner-Land. Uthmeier war bis 2025 Stabschef von Gouverneur Ron DeSantis. Der Mann sitzt ideologisch eigentlich auf der Linie der Trump-Administration. Und jetzt macht er genau das, was Washington ablehnt: regulatorisch eingreifen.
Ein Widerspruch, der Fragen aufwirft. Wer profitiert, wenn ein Bundesstaat den mächtigsten KI-Konzern vor ein Landesgericht zerrt? Wer zahlt den Preis, wenn das Training der "fähigsten Modelle" — wie OpenAI selbst am Freitag einräumte — pausiert wird? Drei Tage Pause hat OpenAI angekündigt. Mehr nicht.
Die offenen Fragen bleiben unbeantwortet. Was genau sind diese "Sicherheitsvorkehrungen", die Uthmeier fordert? Wer soll sie zertifizieren? Welche konkreten technischen Maßnahmen verlangt Florida — Filter, Trainingsdaten-Audits, Ausgabebeschränkungen? Der Antrag nennt sie nicht. Er verlangt nur, dass OpenAI sie "von Dritten genehmigen" lässt. Ein Platzhalter. Eine Blackbox.
Und der Vorwurf, ChatGPT gebe sich als Mensch aus — was bedeutet das technisch? Ein Large Language Model erzeugt Text Token für Token, statistisch optimiert. Wenn es "Ich" sagt, ist das keine Lüge, sondern eine grammatische Struktur, die Nutzer als vertrauensbildend lesen. Florida will diese Struktur verbieten. OpenAI-Sprecher Drew Pusateri sagt, man wolle "mit Florida und anderen Staaten zusammenarbeiten" und "pragmatische Politiken" für die gesamte Branche finden.
Pragmatisch. Das Wort hört man oft, wenn niemand sagen will, was er meint.
Fest steht: Dies ist kein isolierter Vorgang. Australien hat die CEOs von OpenAI und Anthropic vorgeladen. Eine Mutter in den USA hat OpenAI verklagt, nachdem ihre Tochter nach ChatGPT-Kontakten starb. Die Verfahren häufen sich. Florida prescht vor, vielleicht auch, weil andere Bundesstaaten zögern.
Uthmeier nennt es Schutz für "Florida-Familien". Eine politische Phrase, die auf jeder Seite des Atlantiks funktioniert. Die Frage ist: Schutz wovor genau? Vor einem Chatbot, der "Ich" sagt? Vor einem Modell, das weiterlernt? Vor einer Industrie, die schneller wächst als jede Regulierung?
Die Drähte summen weiter. Irgendwo in dieser Kakophonie liegt die Antwort. Noch ist sie nicht zu hören.
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