FLUG FZ1073 — MESSER, STURZ, DREI VERSIONEN
Die Drähte summen. Ich übersetze.
Was über die Frequenzen kommt, ist keine Geschichte. Es sind Fragmente, die sich gegenseitig ausschließen. Eine flydubai-Maschine, Flug FZ1073, von Dubai nach Tel Aviv, geht in einen Sturzflug. An Bord nach ersten Schätzungen rund hundertfünfzig Passagiere plus Besatzung. Am Boden: drei Versionen desselben Vorfalls, und keine davon deckt sich mit der anderen.
Erste Lesart, früh auf den Drähten: Terroranschlag. Männer stürmen das Cockpit, Passagiere schreien, eine Szene, die Augenzeugen später als blutiges Chaos beschreiben werden. Das Wort Hijacking fällt. Die Vermutung: ein zweiter elfter September, vereitelt im letzten Moment. So kommt es herein.
Zweite Lesart, später, nüchterner: kein Terroranschlag, sondern krimineller Akt. Ein Messerkampf zwischen den Piloten. Ein Co-Pilot, der die Maschine aktiv in den Boden steuern will. Die israelische Regierung spricht von einem abgewendeten Anschlag und nennt einen Namen: Captain Smit Machchhar, indischer Pilot, der das Unglück verhindert habe. So kommt es ebenfalls herein.
Hier beginnt die Reibung.
Quelle A schreibt von einer Stichverletzung. Ein Pilot, niedergestochen, blutend am Boden des Cockpits. Videoaufnahmen, die anschließend veröffentlicht werden, zeigen genau das: einen Mann in Uniform, blutüberströmt. Quelle B schreibt von einem geplanten Sturzflug. Ein Co-Pilot, der die Maschine gegen den Erdboden lenkt. Beides kann wahr sein, beides muss es nicht. Die Stiche können Folge eines Kampfes sein oder dessen Auslöser. Ob die Maschine trudelte, während zwei Männer im Cockpit um die Kontrolle rangen, oder ob einer der beiden den Sturzflug bewusst einleitete — darüber schweigen die Meldungen. Oder sie widersprechen sich.
Die offizielle Kommunikation beginnt sich zu sortieren, soweit das mit diesen Fragmenten überhaupt möglich ist. Flug FZ1073 wurde nach einer Notlandung nach Tel Aviv umgeleitet, andere Depeschen sprechen von einer Zwischenlandung in Saudi-Arabien. Die Maschine trägt flydubai-Farben, Startpunkt Dubai, Ziel Tel Aviv. Captain Machchhar wird vom israelischen Ministerpräsidenten namentlich als Retter benannt. Ob er der angegriffene oder der angreifende Pilot war, bleibt in den Meldungen unscharf. In den einen Texten steht Held, in den anderen steht nichts, und in wieder anderen steht ein Täterprofil, das niemand zu Ende schreibt.
Was zählt, ist die Mechanik. Eine Maschine im Sturzflug. Passagiere, die schreien, die nach vorne stürmen, die versuchen, ins Cockpit zu gelangen — oder die davon abgehalten werden. Ein Pilot, blutend. Ein Co-Pilot, der die Maschine in den Boden steuern will, so eine Version. Ein Passagier oder Eindringling mit einer Klinge, so die andere. Drei mögliche Täterprofile, eine Waffe, ein nicht stattgefundener Absturz.
Die Fragen, die niemand auf den Drähten beantwortet: Wie viele Verletzte? Die Quellen schwanken zwischen einem blutenden Piloten und mehreren Verletzten an Bord. Wie viele Menschen tatsächlich an Bord waren — genaue Zahl unbekannt, nur die Schätzung von rund hundertfünfzig. Wer trug die Waffe? War es ein Passagier, der das Cockpit stürmte, oder einer der beiden Piloten, der den anderen angriff? Wer hat das Messer gezogen, wer hat gestochen, wer hat den Sturzflug eingeleitet? Welche der drei Versionen ist die offizielle?
Es gibt Stimmen, die bereits eine Lesart zur Wahrheit erklären. Agentur A ruft Terror. Agentur B ruft Kriminalakt. Die israelische Regierung deutet die Geschichte als vereitelten Anschlag, heroisch abgewendet durch das Eingreifen eines Piloten. Die offizielle Kommunikation aus Dubai hält sich bedeckt. Ich notiere, was auf dem Draht liegt. Ich notiere auch, was fehlt.
Die Zahl der Verletzten fehlt. Die Identität des Angreifers fehlt. Die genaue Sequenz im Cockpit fehlt. Die Schnittstelle zwischen geplantem Sturzflug und Messerstecherei während einer eskalierenden Auseinandersetzung — das ist der Kern des Vorfalls, und dort klafft die größte Lücke in den Berichten. Wer den Sturzflug wollte und wer ihn verhinderte, ist nicht dasselbe wie wer stach und wer gestochen wurde. Die offiziellen Stellen scheinen diese beiden Achsen zusammenzuziehen, obwohl die Depeschen sie auseinanderhalten.
Drei Meldungen, drei Wahrheiten. Eine Maschine, die noch steht. Hundertfünfzig Menschen, die noch leben. Und ein Draht, der weiter summt, während die nächste Version der Geschichte schon unterwegs ist. Ich bleibe auf der Leitung. Ich höre die Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Und ich schreibe auf, was kommt — in der Reihenfolge, in der es kommt, und mit den Lücken, die es lässt.
❖ Ende des Artikels ❖
