Verantwortliches Gold vor Londons Richtern
London. Im Hochgericht beginnt ein Verfahren, das die Maschinerie des internationalen Edelmetallhandels an einer empfindlichen Stelle trifft. Angehörige zweier 23-jähriger Tansanier, die 2019 auf einer kanadisch kontrollierten Goldmine im Nordwesten Tansanias erschossen wurden, fordern die London Bullion Market Association, kurz LBMA, zur Rechenschaft. Ihr Vorwurf: Der Branchenverband habe Gold aus dieser Mine als „verantwortlich" zertifiziert, obwohl ihm die tödlichen Vorfälle auf dem Gelände seit Jahren bekannt waren. Inzwischen sind dreißig weitere Klägerinnen und Kläger aus Tansania beigetreten. Eine parallele Klage in Kanada wies ein Gericht mit Verweis auf fehlende Zuständigkeit ab.
Die Mine heißt North Mara, liegt im Distrikt Tarime und gehört dem kanadischen Konzern Barrick Gold. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit langem, dass Sicherheitskräfte auf dem Gelände Menschen getötet und verletzt haben, die des unbefugten Betretens oder des illegalen Goldbergbaus beschuldigt wurden. Barrick räumt Todesfälle ein, weist aber jede eigene Verantwortung zurück: Die Polizei unterstehe nicht der Kontrolle des Unternehmens.
Die Klage zielt auf einen Mechanismus, der auf dem Papier wie Selbstregulierung mit Biss aussieht, in der Praxis jedoch vor allem aus Papier besteht. Die LBMA, Hüterin des Londoner Goldmarktes, vergibt das Siegel „Responsible Gold". Mitglieder, also Raffinerien, Banken und Händler, werden jährlich auditiert, um die Einhaltung des „Responsible Gold Guidance" nachzuweisen. Dieser Standard verlangt, dass Unternehmen Menschenrechtsrisiken in ihren Lieferketten erkennen und auf sie reagieren. Bis 2024, also noch nach den Schüssen von 2019, bezog eine indisch-schweizerische Raffinerie Gold aus der North Mara-Mine. Sie war LBMA-Mitglied, wurde jährlich auditiert und bestand diese Prüfung.
Die LBMA weist die Vorwürfe zurück. Die „tragischen Vorfälle" stünden weder in ursächlichem Zusammenhang mit der Arbeit, der Rolle noch den Verantwortlichkeiten des Verbandes. Auch die Raffinerie erklärt, den Leitfaden „rigoros" befolgt zu haben. Formal also alles in Ordnung. Praktisch: zwei tote junge Männer, ein kanadisches Gericht, das nicht zuständig ist, und ein britisches Gericht, das nun prüfen muss, was ein Zertifikat auf einer Blutspur wert ist.
Der Fall ist kein Einzelfall. Eine Untersuchung von Human Rights Watch aus dem Jahr 2023 zeigte, dass die LBMA Gold aus einer äthiopischen Mine noch bis 2018 als „verantwortlich" auswies, obwohl schwere Umweltverschmutzungen und Gesundheitsschäden bei Kindern und Schwangeren dokumentiert waren. Die LBMA antwortete, die damals geltenden Leitlinien hätten Umweltauswirkungen schlicht nicht abgedeckt. Ein Satz, der die Schwäche des Systems in einem Halbsatz offenlegt: Was der Standard nicht verlangt, kann nicht verletzt werden.
Zuletzt kündigte die LBMA einen Transparenzschritt an: Künftig sollen Lieferanten aus sensiblen Gebieten, sogenannten „red flag locations", offengelegt werden. Menschenrechtsorganisationen fordern mehr: Auditberichte müssen veröffentlicht, Lieferketten vollständig offengelegt, Regierungen müssen gesetzlich verankern, dass Unternehmen Menschenrechte in ihren globalen Lieferketten zu respektieren haben.
Was in den kommenden Wochen im High Court verhandelt wird, ist mehr als ein Rechtsstreit um zwei tote Männer. Es ist die Probe darauf, ob ein Industriestandard, der sich selbst „verantwortlich" nennt, auch dann verantwortlich handelt, wenn das Geschäft nicht stockt. Die Urteilsverkündung steht aus. Die Drähte summen.
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