Fabrikampel auf Grün: Boom oder nur ein Stau?
Die Fabrikampel steht auf Grün, die Schlagzeilen jubilieren. „U.S. business continues to boom", verkündet Chris Williamson, Chefökonom von S&P Global Market Intelligence. Wer hier genau hinhört, hört mehr als das eine Wort.
Der S&P Global Flash Manufacturing Purchasing Managers' Index, der Frühindikator für die US-Industrie, sprang im September auf 57,0, von 53,9 im August. Erwartet worden waren 53,6. Werte über 50 bedeuten Wachstum. 57,0 ist der höchste Stand seit Mai 2022. Das Produktionsmaß stieg auf 56,7, der höchste Stand seit April 2022. Neue Bestellungen wuchsen am stärksten seit fast viereinhalb Jahren. Die Fabriken stellten ein, so schnell wie seit Februar 2021 nicht. Selbst die Lagerbestände stiegen.
Parallel der Dienstleistungssektor: S&P Globals Services Business Activity Index kletterte auf 58,7 von 56,5, der höchste Stand seit fast fünf Jahren. Beide Bereiche zusammen schoben den Composite Output Index auf 58,4 – den höchsten Wert seit Juli 2021. Vierter Monat in Folge mit beschleunigtem Wachstum. Williamson rechnet auf Basis historischer Vergleiche mit annualisierten Wachstumsraten von rund fünf Prozent im September und vier Prozent für das dritte Quartal insgesamt.
Einen Tag später legte die Federal Reserve Bank of Kansas City nach. Ihr zusammengesetzter Index für die Fertigung stieg auf 14 von 10 im August und 9 im Juli. Erwartet worden war ein Rückgang auf 8. Vierter Monat in Folge im zweistelligen oder nahezu zweistelligen Bereich. Die Nachfrage trieb das Bild: der New-Orders-Index sprang auf 24 von 16, der Order-Backlog auf 13 von 4. Die Produktion kletterte auf 20, die Lieferungen auf 21. Jede Monatskomponente über null.
Der Distrikt der Kansas City Fed umfasst Colorado, Kansas, Nebraska, Oklahoma, Wyoming, das nördliche New Mexico und das westliche Missouri. Wachstum breit gestreut über langlebige und nicht langlebige Güter, angeführt von Kunststoffen, Gummiprodukten und möbelbezogenen Waren. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit schnellte auf 13 von 1 – ein Plus für die Lohntüten der Beschäftigten. Lieferzeiten verlängerten sich, ein weiteres Zeichen starker Nachfrage. Fertigwarenlager stiegen.
Eine Maßnahme hielt nicht Schritt: der Beschäftigungsindex blieb zum zweiten Mal in Folge bei null. Das deutet auf einen sehr engen Arbeitsmarkt hin – Arbeitslosigkeit niedrig, Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in diesem Jahr so niedrig wie in keinem Januar-September-Zeitraum seit 1969. Einige Manager schrieben, sie setzten auf Automatisierung statt auf Neueinstellungen. „Wir haben einen Anstieg der neuen Geschäfte für das nächste Jahr von über 30 Prozent", schrieb ein Befragter. „Wir werden versuchen, so viel wie möglich zu automatisieren, um die Mitarbeiterzahl zu minimieren."
Die Federal-Reserve-Daten zur Industrieproduktion hatten für August einen Rückgang von 0,3 Prozent gezeigt – den ersten monatlichen Rückgang in diesem Jahr. Die September-Umfrage gibt einen Frühindikator, ob dieser Rückgang anhielt. Die Antwort lautet: er hat sich umgekehrt. Sie sagt nicht, warum.
Die Atlanta Fed schätzt das dritte Quartal auf eine annualisierte Wachstumsrate von 5,1 Prozent, Stand 17. September, die letzte Aktualisierung vor der Umfrage am Mittwoch. Eine laufende Schätzung, basierend auf allen verfügbaren Wirtschaftsdaten, bevor die Regierung ihre erste BIP-Zahl herausgibt.
Was sehen wir also?
Die Auftragsbücher füllen sich schneller, als die Fabriken liefern können. Unfertige Bestellungen wachsen so schnell wie seit Mai 2022 nicht. Lieferzeiten verlängern sich. Lagerbestände steigen – weil die Nachfrage das Material wegfegt, nicht weil niemand kauft. Die Unternehmen stellen mehr ein, aber der Beschäftigungsindex der Kansas City Fed zeigt: sie kommen nicht hinterher.
Das ist nicht das klassische Boom-Bild. Das ist das Bild eines Systems an der Kapazitätsgrenze. Wenn der PMI steigt, weil Bestellungen schneller eintrudeln als die Produktion Schritt halten kann, ist das kein Stärkezeichen – es ist ein Stauzeichen. Wenn Unternehmen automatisieren, weil sie kein Personal finden, ist das keine Erfolgsmeldung, sondern eine Vorwarnung.
Wer profitiert? Die Auftragseingänge werden von inländischen Kunden getrieben. Die Warenexporte sinken weiter, die Dienstleistungsexporte wachsen nur mäßig. Das Geld bleibt im Land. Wer zahlt den Preis? Die Beschäftigten, deren Wochenarbeitszeit steigt, während die Automatisierung ihre Stellen bedroht. Die Unternehmen, deren Kosten steigen, weil Lieferzeiten länger werden. Die Käufer, die auf Lieferung warten.
Williamson sagt Boom. Die Zahlen sagen Boom mit Fragezeichen. Amerika nennt es aktuell Boom. Der Hörer an den Drähten nennt es Boom mit Stau.
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